Machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt

Das Internet kann manchmal sehr nerven; jeder kann veröffentlichen und jeder tut es. Wir haben unsere Blogs, wir nutzen Twitter, wir schreiben Kommentare zu Blogeinträgen, manche machen ein komplettes Online-Magazin auf. Und wir alle haben etwas zu sagen.

Nun muss ich gestehen, solange es sich um Laien und Amateure handelt, ist das immer nur kurz aufregend – meist auch noch aus den falschen Gründen. Die Rechtschreibung hat nur wenig mit dem zu tun, was wir im Duden finden, die Interpunktion wird nach Pfefferstreuermethode angewandt, Sätze ergeben bereits syntaktisch keinen Sinn. Der Vorteil solcher Beiträge ist, dass der Leser sofort entscheiden kann, ‘Muss nicht gelesen werden, hier schreibt jemand aus der Psychiatrie.’

Allerdings gibt es reichlich Kommentatoren und Beiträger, die sich nicht so leicht zu erkennen geben. Die verfassen gemeinerweise Texte, die lesbar sind, soweit Sinn emulieren, dass es schwer fällt, sie nicht ernst zu nehmen. Ganz besonders übel sind da professionelle Wortdrechsler, die seit 20 oder 30 Jahren ihre Miete mit Schreiben verdienen. Bekannte Kasper wie H.M. Broder oder R. Mohr oder M. Matussek, die ihre kleine Weltsicht in großen Publikationen vermarkten.

Beliebte Methode, den unaufmerksamen Leser in einem schwachen Moment zu überzeugen: anekdotische Beweisführung. Da werden lustige oder tragische oder dramatische Momente des eigenen Lebens als empirisch belegbare Fakten angeführt und dann verallgemeinert. Vom Besonderen auf das Universale schließen. Auch bekannt als Induktion.

Damals als wir schon glücklich waren, einen Fernseher oder ein Telefon im Haus zu haben, da war dieses Weltschmerzgeheule bekannt von alten Leuten, die sich so gern an früher erinnerten. Opa erzählte von Stalingrad, Oma schwärmte von der Sauberkeit, Ordnung und Disziplin im BDM. Großonkel Ernst, der ja noch im Arbeitsleben stand, erregte sich über die dummen Lehrlinge, die in der Schule nichts beigebracht bekommen. Und er hatte ja recht! Hatte doch der Bengel, dieser Hans, heute nicht einmal gewusst, wie ein Dreisatz geht!

Wir lächelten damals milde vor uns hin, sollten die Alten doch nölen, wenn es sie glücklich macht. Es fällt mir immer schwerer, nur noch zu lächeln, da das Scheintotengeplapper inzwischen anerkannte Methode gesellschaftlichen Diskurses geworden ist:

  • 2 Jugendliche treten einen alten Mann in U-Bahn tot => die Jugend von heute ist gewalttätig und respektlos
  • Draußen ist es kalt und es fällt Schnee => es gibt keine globale Erwärmung
  • Ich kenne einen faulen ALG-2’er => jeder, der ALG 2 erhält, ist ein faules Schwein, das auf meine Kosten lebt
  • ein paar Handvoll Verlierer islamischen Glaubens sprengen Israelis in die Luft => alle Moslems sind brutale Judenhasser
  • Osama Bin Laden trägt Vollbart und ist Terrorist => alle Vollbärte sind Terroristen

He, das macht Spaß und die Welt wird ganz plötzlich verständlich. Vielleicht sollte ich das auch mal machen:

  • über Nacht trat plötzlich eine Schneeschmelze in Hamburg ein => die globale Erwärmung schlägt zu
  • ein 16-jähriger steht im Bus auf, damit ein älterer Herr einen Sitzplatz bekommt => die Jugend von heute ist höflich und respektvoll
  • Ich kennen einen ALG-2’er, der sich wirklich bemüht, einen Job zu bekommen => alle ALG-2’er sind hart arbeitende Menschen, die von Arbeitsagentur und Zeitarbeitsfirmen ausgebeutet werden
  • da gibt es eine moslemische Familie nebenan, denen man das gar nicht ansieht, nette Menschen, keine Schleier, beide Eltern arbeiten an der Universität als Dozenten => alle Moslems sind liebe, nette, aufgeklärte Leute
  • Henryk Broder trägt Vollbart und ist nicht gewalttätig => Vollbärte sind gewaltlose, intelligente Menschen

So ist das also, wenn man auf induktive Logik und ein paar kleinere Unsauberkeiten in den Kategorien setzt. Aber das hat ja bereits Bertrand Russell gewusst:

The whole problem with the world is that fools and fanatics are always so certain of themselves, but wiser people so full of doubts.

5 thoughts on “Machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt”

  1. Da du über Verallgemeinerungen sprichst: vielleicht über den Satz “schreiben aus der Psychiatrie” noch mal nachdenken, und aus dem Text entfernen. Denn auch das ist ein Vorurteil, daß auf keinerlei Tatsachen beruht.

  2. Ja, die Unfähigkeit zum logischen Schließen und Argumentieren ist für mich eins der Hauptprobleme im öffentlichen Diskurs (und im Privaten auch, zumindest dort, wo man sich seine Gesprächspartner/innen nicht aussuchen kann). Ich würde gerne sagen, früher war das besser, aber das war es natürlich nicht (außer vielleicht ganz früher, so im alten Griechenland, aber da würde man auch nicht leben wollen).

    Was folgt daraus: Logik muss Schulfach werden. Dafür könnte man die literarischen Inhalte im Deutsch- und Fremdsprachenunterricht einschränken (einschränken, nicht streichen).

    PS. Den Psychatriespruch fand ich auch nicht gut. Hab verstanden, wie er gemeint war, aber trotzdem.

  3. Heute um 21.30 wird die Sonne untergehen. Nie mehr Licht.

    (das Induktions-Spiel sollten wir auf Twitter mit passendem Hashtag spielen)

  4. Bei aller Kritik sollte man nicht vergessen, dass alle menschliche Erkenntnis auf induktivem Schließen basiert und das Prinzip in den meisten Fällen eine gute Heuristik darstellt, um mit der Welt in der wir leben einigermaßen zurecht zu kommen. Selbst unsere Sprachfähigkeit basiert auf Generalisierungen.

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