Ein Streich namens Neurotheologie

Der Jüdische Friedhof an der Königstraße in Hamburg-AltonaVor einigen Wochen wurde ich auf etwas aufmerksam, das sich ‘Neurotheologie’ nennt. Einige Religionswissenschaftler scheinen entdeckt zu haben, dass Neurologen ins Hirn sehen können, dabei mit bestimmten Auslösern elektrische Reaktionen in den Gehirnen der Probanten bewirken. Sie kennen die entsprechenden Bilder vermutlich aus dem Fernsehen oder haben schon einmal in Publikumszeitschriften darüber gelesen, dass Wissenschaftler den Sitz irgendeines menschlichen Verhaltens im Gehirn gefunden haben.

Neurotheologen scheinen nun den Sitz der Religion gefunden zu haben, d.h. sie behaupten einfach mal, Neurologen hätten bei entsprechenden Untersuchungen herausgefunden, wo wir glauben. Ich wollte mehr darüber wissen, habe mir also eine einschlägige Arbeit besorgt, die Dissertation des Religionswissenschaftlers Michael Blume, der seine naturalistische Interpretation der Religion u.a. bei den Blogs von Spektrum der Wissenschaft verbreitet.

Ein wenig formell

Bevor falsche Vorstellungen auftauchen, hier geht es nicht darum, mögliches Guttenbergen zu finden oder vorzuwerfen. Bei all meiner Kritik an Blumes Neurotheologie zwischen Religionskritik und -affirmation, sehe ich keinen Anlass, Plagiat im engeren Sinne zu vermuten. Das stand für mich auch nie zur Diskussion, da kann ich Doktorväter zu gut verstehen, die sich auf ihre Probanden verlassen. In der vorliegenden Arbeit wird viel zitiert, sehr viel, aber immer ordentlich verfussnotet. Das ist bereits ein wesentlicher Kritikpunkt, den ich habe: über weite Strecken ist eine Eigenleistung des Autors nicht erkennbar.

Die gesamte Arbeit erscheint ein wenig chaotisch, wie zusammengepuzzelt aus kleineren Texten. Das Herz bildet eine lange, aber nicht besonders tiefe, Rezension eines populärwissenschaftlichen Werkes eines Mediziners. Andrew Newberg rief vor einigen Jahren ein klein wenig Interesse mit seinem Buch Why God Won’t Go Away hervor. Er verknüpft darin eigene medizinischen Beobachtungen mit einer halbgaren Theologie. Blume zitiert ausführlichst aus diesem Buch ohne irgendeine Einordnung vorzunehmen, seine eigenen Sätze verbinden ähnlich Texttafeln in Stummfilmen.

Andere Teile der Arbeit enthalten sehr oberflächliche historische Abrisse aus der Medizin, der Philosophie [vor allem der Erkenntnistheorie], der Evolutionstheorie und – mit am Verwunderlichsten – weitere Kurzrezensionen zu noch mehr populärwissenschaftlichen Büchern. Und obwohl keines der Werke in deutscher Sprache geschrieben ist, werden nur die deutschen Ausgaben herangezogen. Das ist problematisch und bei einem vernünftigen Verhältnis von Zitat zu eigenem Text auch völlig überflüssig; ein Originalzitat zusammenfassen zu paraphrasieren ist üblich.

Gänzlich abzulehnen sind Zitate aus Sekundärwerken. Es darf nicht sein, beispielsweise Albert Einstein kritiklos aus Newberg zu zitieren oder Richard Rorty aus Nagl. Das geht nicht. Immerhin wird auf Seite 98 der Arbeit das mir aufstossende Rorty-Zitat zwar nach Nagl angegeben, aber daneben auch das Originalwerk [mit falschem Ort?], andere Zitate bleiben im Halbdunkel. Ein weiteres Manko der mir vorliegenden Version, war die fehlende Bibliografie. Ich werfe das allerdings nicht dem Autor vor, vielleicht liegt hier nur ein logistischer Fehler vor. Hilfreich ist es allerdings nicht.

Ein wenig chaotisch

Um ganz ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, Blumes Arbeit zu verstehen. Am dichtesten an eine These, die er vorstellt, kommt er gleich im Vorwort

… sollte diese Arbeit zur „Neurotheologie“ gezielt auch der religionswissenschaftlichen Erforschung und Neugewinnung naturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Terrains dienen. [M. Blume, Dissertation, 2005. S. 3]

Ich habe in den 1980ern studiert, als es in den Geisteswissenschaften Usus war, halbverdaute naturwissenschaftliche Beobachtungen als Grundlage für halbgare Weltanschauungen zu benutzen. Es war nicht neu, aber es war auf einem Höhepunkt. Selbstverständlich können weder die Philosophie noch andere nicht-naturwissenschaftliche Fächer einfach über Erkenntnisse der Physik oder Chemie hinweggehen. Wer heute noch sagt, dass wir mit dem Herzen denken, sollte auf keinen Fall einen ernsthaften wissenschaftlichen Anspruch erheben. Oder, passend zum religionswissenschaftlichen Thema, den Sitz einer Seele würden wir heute nicht in einem Pumpwerk verorten.

Vollkommen zu Recht wehren sich Theologen, Religion und Gott als naturwissenschaftliche Phänomene zu untersuchen. Anders sieht es mit dem Glauben aus. Denn, dass wir mit unserem Gehirn glauben, bezweifelt kaum jemand, doch daraus folgt nicht, es gäbe ein Religionsmodul in unserem Kopf. Glaube ist eine subjektive, eine ganz persönliche Angelegenheit, die zu überprüfbaren Aussagen führt:

 

  • Ich glaube, ich habe gerade einen roten Sportwagen gesehen.
  • Ich glaube, es donnert.
  • Ich glaube, mein verstorbener Vater hat mich heute Nacht besucht.
  • Ich glaube, es gibt übernatürliche Wesen, die mächtiger sind als wir.

Niemand wird die Aussagen in Zweifel ziehen können, denn ‘Ich glaube’ ist weder beweisbar noch falsifizierbar. Wir, als Hörer, müssen demjenigen, der das sagt, ja, glauben. Wir können allerdings überprüfen, was ihn denn zu seinem Glauben bringt, und ob dieser gerechtfertigt ist.

Glauben ist aber etwas anderes als Religion, die ein kulturelles System darstellt, hergestellt, um die Einzelphänomene, die geglaubt werden, konstruktiv zusammenzufassen. Dies ist manchmal künstlich aufgesetzt [siehe Scientology], oft natürlich gewachsen [siehe Christentum und Islam]. Leider machen weder Blume noch Newberg diese Unterscheidung, wie überhaupt eine saubere Begriffsfestlegung fehlt.

Von der Bedeutung, verständig zu sein

Statt seine Begrifflichkeit sauber auszuarbeiten, eine deutliche Trennung der Fächer, die Grundlage seiner Arbeit bilden, vorzunehmen, darf der Leser eine Geschichte der “Hirnforschung” im Schweinsgalopp erleben. Da steht Imhotep neben Leonardo da Vinci, dicht gefolgt von Descartes, Newton, Gall, Husserl und James, weil sie alle mal irgendwas mit dem Kopf gemacht haben. Mehr als Namedropping bleibt da nicht übrig.

Ein nicht besonders gutes Licht wirft dabei folgende Passage Blumes auf sein Werk:

In Rene Descartes (1596 – 1650) ‚Meditationes’ findet sich keinesfalls das ihm am häufigsten zugeschriebene Zitat „Cogito ergo sum; Ich denke also bin ich“ (das eher eine griffige Interpretation seiner Aussagen darstellt) […] [M. Blume, Dissertation, 2005. S 10]

Es stimmt, diese spezielle Formulierung taucht nicht in den Meditationes auf, nicht richtig ist die nachfolgende Implikation, Cartesius hätte es nie geschrieben. Der Gedanke taucht sowohl in den Discourses auf [‘je pense, donc je suis’; Discours de la méthode, Teil 4] als auch in den Principia [‘cogito ergo sum’; Teil 1, Artikel 7].

Ähnliche, kleinere Lässigkeiten ziehen sich durch die gesamte Arbeit, so auf Seite 20:

Zu Popularität gelangt 1993 auch der Soziobiologe Richard Dawkins. In „Das egoistische Gen“ […]

Das Buch, das später Grundlage für eine der Kurzrezensionen ist, stammt aus dem Jahr 1976, wurde 1989 für eine Zweitauflage erheblich erweitert und verschaffte Richard Dawkins nicht erst 1993 Popularität. Neben diesem, seinem ersten, Buch war es vor allem die Fehde zwischen ihm und dem Zoologen und Evolutionstheoretikers Stephen Jay Gould, die im Anschluss an Dawkins Selfish Gene ausbrach. Die daraus entsprungenen Essays Goulds sowie die Antworten, die Dawkins eben in jener zweiten, erweiterten Auflage seines Erstlings gibt, sollte Blume sich einmal genauer ansehen, geht es dort auch darum, wieweit Naturwissenschaften Aussagen über epistemologische Fragen treffen können.

Gänzlich unklar ist mir die Aufzählung populärer Science-Fiction-Filme und -Bücher in Blumes Arbeit. Es ist eine Banalität, dass Schriftsteller und Filmemacher in ihren Geschichten die Natur des Menschen untersuchen und dabei auf extreme Randbedingungen zurückgreifen. Als wissenschaftliche Grundlagenforschung taugen diese Geschichten wirklich nicht.

Auch in [der Matrix-Trilogie] wird als einziger ‚Ausweg’ aus der Simulation schliesslich eine (hier gnostisch-apokalyptisch geprägte) Religiosität gewiesen. Das Vertrauen in andere Wirklichkeiten und spirituelle Leitfiguren, die Erfüllung alter Prophezeiung, das Infragestellen und schlieslich Transzendieren der nur scheinbaren Realität, schliesslich die glaubende Annahme und Erfahrung der ‚Wahrheit’ bis zur Beherrschung übersinnlicher Kräfte führen endlich (im 3.Teil) eine Endschlacht um die Stadt Zion (!), den letzten Zufluchtsort der freien Menschen. So wird der Glauben als Mittel vorgeführt, um die technische Welt einerseits überbieten und andererseits überwinden zu können. [M.Blume, Diss., 2005. S. 32]

Nutzen die Wachowski-Brüder hier nicht einfach bekannte und bewährte Tropen der Literatur? Handelt es sich bei der Heilsgeschichte in Matrix nicht nur um ein erzähltheoretisches Produkt, ein Klischee, dass es dem Zuschauer einfacher machen soll? Ist es nicht der rote Faden, an dem die Handlung abläuft? Auf keinen Fall belegt es eine grundsätzliche menschliche Religiosität.

Das Grundproblem

Der im Folgenden präsentierte und im Rahmen dieser Arbeit ausgeführte Untersuchungsansatz orientiert sich an einer religionswissenschaftlichen Würdigung neurotheologischer Entwürfe und setzt also ausdrücklich keine tieferen, neurobiologischen Kenntnisse voraus.

[…]

Sowenig eine Religionswissenschaftlerin darüber zu entscheiden hat, ob der Theologe
X eine ‚falsche’ oder ‚wahre’ Bibelinterpretation abliefert, sowenig sollte er den neurobiologischen Interpretationsvorgang auf ‚Wahrheit’ hin bewerten wollen. [M. Blume, Diss., 2005. S. 48; meine Hervorhebung]

Diesen beiden Sätzen folgen noch knapp 200 Seiten, auf denen der Autor der Dissertation weder nach Wahrheit sucht noch wesentliche Kenntnisse der zugrundeliegenden Studien verlangt. Nun schwingt aber bereits im themengebenden Titel der Arbeit – Neurotheologie – ein naturwissenschaftlicher Anspruch mit. Es wird so getan, als wäre Religion ein naturwissenschaftliches Phänomen: wir müssen Religion als nützlich anerkennen. Das betont Michael Blume auch in so ziemlich jedem Text, dener  z.B. in seinem Blog, aber auch anderswo veröffentlicht.

In seiner Dissertation wird der Nutzeffekt allerdings noch nicht betont, der Autor schmeisst im weiteren Verlauf nur immer wieder grosse Worte ins Rund ohne deren Jahrhunderte währende Diskurse auch nur wahrzunehmen. So ist, da ja unser Gehirn Ergebnis evolutionärer Prozesse ist, auch Religion ein Resultat dieser Evolution und damit implizit nützlich und gut, da sich in der Evolution nur die fürs Überleben und Fortpflanzen notwendigen Charakteristika durchsetzen.

Das ist eine völlig veraltete Karikatur der Evolutionstheorie. Weiter oben empfahl ich, den oft hitzigen Dialog zwischen Dawkins und Gould zu verfolgen, die sich darüber stritten, ob ein heute beobachtetes Merkmal notwendigerweise diesem Nützlichkeitskriterium unterworfen ist. Der Wurmfortsatz am menschlichen Dickdarm hat keinerlei Nutzen, in der Vergangenheit schadete er nur. Aber es gibt ihn, als Überbleibsel von weit entfernten Vorfahren, die einen erhebliche längeren Darm benötigten, um Pflanzen zu verdauen. Oder es finden sich Kennzeichen, die heute eine Funktion B ausüben, womöglich in der Vergangenheit aber für Funktion A entwickelt wurden.

Ein kurzer Blick ins Hirn

Das menschliche Gehirn scheint wiederum geistige Kapazitäten zu haben, die das Nebenprodukt anderer Entwicklungen sind. Wir sind in der Lage die komplexe Interaktion von Technik, Psychologie und Gruppenregeln im Strassenverkehr zu meistern, aber dafür haben sich unsere Geistesleistungen sicher nicht entwickelt. Salopp formuliert: Vielleicht ist unser Gehirn nur zufällig so mächtig, ohne grossen Nutzen.

In einem hat Blume Recht, die Frage, wie Wissen entsteht, kann mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht untersucht werden. Wir können genau definieren, welche Wellenlänge wir als Rot wahrnehmen, aber die Naturwissenschaft hat keine Antwort auf die Frage, was Rot ist [für die Interessierten: recherchieren Sie den Begriff ‘Qualia’]. Wenn allerdings bereits bei solch simplen Phänomenen die Naturwissenschaft an ihre Grenzen stösst, wie sollen ihre Mittel helfen, so etwas Komplexes wie ‘Glauben’ oder ‘Religion’ schnell mal zu messen?

Doch genau dies behauptet Newberg getan zu haben. Er – der Fairness halber sei gesagt, es gibt da noch eine Handvoll Neurologen, die sich da ran trauen – hat Hirnfunktionsmessungen an betenden Franziskanerinnen und meditierenden Buddhisten vorgenommen, dabei festgestellt, dass es sie gibt. Das hat allerdings nie jemand in Abrede gestellt, ebensowenig, möglicherweise entstehende spezifische Muster. Das sagt aber überhaupt nichts über Religion, am wenigsten, über ihren Nutzen oder ihre ethische Überlegenheit.

Interessanterweise wird sein Buch ausserhalb der Neurobiologie sehr stark nachgefragt, hat jedoch innerhalb seiner Zunft vergleichsweise wenig Resonanz gefunden. Die Gründe für diese Zurückhaltung finden sich in fachwissenschaftlichen Rezensionen und Anmerkungen – und es
sind genau jene Gründe, die Newbergs Buch für diese Arbeit so interessant machen. [M. Blume, Diss., 2005. S. 49]

Zwei der Kritikpunkte lassen sich zusammenfassen als ‘been there, done that’, ein weiterer Vorwurf ist Oberflächlichkeit [es handelt sich um ein populärwissenschaftliches Buch, das dichter an Dale Carnegie als an Konrad Lorenz dran ist]. Am schwerwiegensten ist der letzte Punkt, in dem Newberg vorgeworfen wird, selbst nur Religion zu betreiben, indem er inhärent unbeweisbare Behauptungen aufstellt.

Epistemologie

Blume – und wohl auch Newberg – löst das letzte Problem, indem er den Standpunkt eines [De]Konstruktivisten annimmt. Da wir die Welt nur durch unsere Sinne wahrnehmen, diese uns täuschen können und unser Gehirn überhaupt erst aus all den Sinneseindrücken die Welt konstruiert, existiert ausserhalb unseres Kopfes keine Realität. Jede Realität ist Konstrukt, keine hat einen inhärent höheren Wert. Wahrheit findet nicht mehr statt, weswegen er sie konsequent in Anführungszeichen stellt.

Damit wäre das Thema im Grunde abgeschlossen, denn wo es keinen Untersuchungsgegenstand gibt, kann es auch keine Untersuchung geben. Michael Blume ist das durchaus bewusst, er hat aber keine Lösung dafür gefunden ausser gerne mal vom ‘strengen Konstruktivisten ‘ zu schreiben. Ob er sich selbst dazu zählt, bleibt offen; nach meinem Eindruck, flirtet er zumindest intensiv mit dieser Nichtwelt-Anschauung. Sie ermöglicht ihm, halbwegs konsistent Religion zu einem wertneutralen, naturwissenschaftlichen Konzept zu verklären.

Auch wenn seine Dissertation immer wieder nur an der Oberfläche vieler alter Diskussionen kratzt, sieht es nicht so aus, als hätte der Autor noch nie davon gehört. Er kennt zumindest die Worte und Kurzdefinitionen, wenn er sich auch manchmal für die weniger gängigen Varianten entschieden hat. Er wirft geradezu mit philosophischen und kulturhistorischen Fachbegriffen um sich. Ihm ist bekannt, dass sein Konstruktivismus unter dem Namen Solipsimus schon mal aufgetaucht war. Er kennt zumindest die erste Hälfte von Descartes Gedankengang zum Wesen des Seins [auch wenn er sich da einen groben Schnitzer erlaubt, siehe oben], auch William James, Charles Pierce und Karl Popper tauchen in seiner Dissertation en passant auf. Aber eine tiefere Analyse bleibt aus; mehr als der Klappentext einschlägiger Monografien wurde vielleicht nicht gelesen.

Die Erkenntnistheorie, die in Blumes Arbeit angeblich eine grosse Rolle spielt, ist undurchdacht und ignoriert Alternativlösungen. Konstruieren wirwirklich die Welt in unserem Kopf oder rekonstruieren wir sie? Können wir nicht von einer Realität ausgehen, die wir unvollkommen wahrnehmen? Konstruieren wir also nur ein Abbild der Realität? Das ist alles nicht neu, das ist alles seit Sokrates, Plato und Aristoteles verfeinert worden, wenn nötig auch über Bord geworfen. Bei Blume soweit, dass er nur noch die paar Happen, die seiner [?] These entgegenkommen, wiederholt. Seine Verdrehung von Humes Skeptizismus erfordert schon fast einen eigenen Artikel.

Was bleibt

Ich wollte wissen, was Neurotheologie ist, ob sie ein interessantes Forschungsgebiet abgibt, und was Kulturwissenschaftler damit anfangen. Bin ich nach dem Lesen von Michael Blumes Neurotheologie zwischen Religionskritik und -affirmation schlauer als zuvor? Ja, aber nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte.

Neurotheologie ist ein Schlagwort, mehr nicht. Auf Basis des guten alten naturalistischen Fehlschlusses, wird versucht Religion, Theologie und vermutlich auch Religionswissenschaft ein Hauch von Wahrhaftigkeit zu verleihen. So wie die Neoliberalen Erkenntnisse der Biologie als Entschuldigung für ein Ellenbogenwirtschaftsmodell missbrauchen, so soll Religion als “natürlich” einen quasi unbestreitbaren Wert erhalten. Das ist schon aus sich heraus nicht korrekt, nur weil ein Gegenstand oder Verhalten natürlich ist – im Falle von Tieren wie uns: unserem Verhaltensrepertoire zugehörig –, ist er deswegen nicht richtig.

Die Frage, ob es Religion gibt, ist unabhängig davon, wo und wie religiöse Empfindungen stattfinden. Religion ist auch keine Angelegenheit des Kopfes, sie ist ein soziales Konstrukt auf Grundlage individueller Glaubenserfahrungen. Das ist keine Neuigkeit, taucht aber nie bei Blume auf; dabei wäre hier durchaus eine spannende Untersuchung zu erwarten gewesen: wie entwickelt sich aus persönlichen Erfahrungen ein einheitliches System, dem sehr viele ihren individuellen Glauben unterordnen.

Da bereits die Ausgangsthesen und deren Bearbeitung bei Blume wenig überzeugend sind, brauche ich den Leser nicht auch noch mit den etwa 70 Seiten Kurzrezensionen zu weiteren populärwissenschaftlichen Werken, die er unter dem Eindruck Newbergs betrachtet, zu langweilen. Es möge genügen, dass Michael Blume den Begriff ‘Religion’ sehr weit fasst, um selbst ausgesprochene Atheisten wie Richard Dawkins plötzlich religiös zu nennen [da Wissenschaft auch nur eine Religion sei] oder satirisch gemeinte Pseudokirchen [die Church of Virus] ernst zu nehmen.

Es bahnt sich damit eine neue Beschreibungsperspektive auf Religion an, die biologische neben individuell-psychologischen und kulturell-sozialen Faktoren gleichberechtigt und ergänzend berücksichtigen könnte. Wie es auch die frühe Soziologie tun musste, so müsste auch die Neurowissenschaft hierzu noch die Reste an normativen, philosophischen und eben religiös-theologischen Überhöhungen aufgeben. Statt der (stets nur vermeintlichen) Klärung von Gottes- und Transzendenzfragen könnten dann überschaubare und interdisziplinär zu erforschende Themen der Erkenntnisgewinne erschliessen. Was bewirken bestimmte Rituale? Wie wirken sich bestimme Medien – die Musik, die Alphabetschrift, Düfte – auf Gehirnfunktionen und damit auch auf religiöse Praxis aus? Wie funktioniert das individuelle, soziale, schliesslich kulturelle Erinnern und welche Rolle spielt dabei Religion? [M. Blume, Diss., 2005. S. 243]

Interpretiere ich den Ausblick im ersten Satz dieser Zeilen als Frage, kann ich eine Antwort geben: Nein, hier bahnt sich nichts Neues an. Im günstigsten Falle haben Theologen, Religionswissenschaftler und Psychoanalytiker ein kleines Spielfeld gefunden, in dem sie Laien ein wenig veralbern können. Psychologie und Geschichte der Religion wurden schon immer untersucht, auch ihre Auswirkungen auf kulturelle Tätigkeiten ausserhab religiöser Organisationen. Literaturwissenschaftler kennen schon sehr lange die zum Teil sehr subtile Wirkung, die Religion auf die Werke von Schriftstellern hat, ob diese sich selbst als religiös sehen oder nicht.

Glauben oder nicht glauben

Was mich verwundert ist der offenbar feste Glaube Blumes, wir würden durch bunte Bildchen aus unseren Hirnen überhaupt erst wissen, dass wir manchmal an Dinge glauben, die nicht da sind. Wir glauben und schaffen Religion, das steht doch wohl ausser Frage. Sowohl pragmatisch wie logisch wie metaphysisch ist es aber von höchster Bedeutung, ob das, was wir glauben, auch ist. Glauben wir an den Ferrari, den der Beifahrer auf dem Autobahnparkplatz gesehen hat? Glauben wir an Baumnymphen und Trolle? Die Berechtigung von Religion und Kirche als deren ausführendes Machtinstrument liegen nicht in den Fata Morganen in den Köpfen der Menschen, sondern im Wahrheitswert der Aussagen, die getroffen werden.

Blume nimmt Gott als gegeben hin und untersucht, wie und weshalb einige ihn erleben, andere aber nicht. Implizit nimmt er das atheistische Gehirn – Prämisse: hier finden keine Gotteserfahrungen statt – dabei als geringwertiger an. Da aber sowohl streng religiöse als auch schwach religiöse und atheistische Hirne von uns durch die Strassen getragen werden, müsste er erkennen, wie lächerlich Newbergs Karikatur evolutionären Nutzens ist.

Notes:
1. Als PDF gratis erhältlich.
Als PDF gratis erhältlich.

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