Die einen leisten, damit es sich für die anderen lohnt

Der folgende Text basiert auf einem Kommentar, den ich beim geschätzten Ali Arbia, auch bekannt als @zoonpolitikon, abgegeben habe.

We are standing on the shoulders of giants.

Dieser Satz wird Sir Isaac Newton zugesprochen. In der Diskussion um abgeschriebene Dissertationen deutscher Politiker werden Abwandlungen davon gerne gebraucht, um das Problem des Abschreibens zu verniedlichen – ‘keiner von uns ist so originell, wir arbeiten doch alle mit den Ideen anderer.’

Das stimmt natürlich, vor allem in den Naturwissenschaften, denn was wir untersuchen, entdecken, beschreiben und berechnen, ist da. Es ist. Wissenschaftler versuchen nun, dieses Sein möglichst genau zu erklären, wobei sie selbstverständlich nicht im gedankenleeren Raum arbeiten, sondern die Beobachtungen und Entdeckungen ihrer Vorgänger und Kollegen einbeziehen. Und darum geht es in Newtons Satz: zugestehen, dass die eigenen Leistungen ohne andere nicht möglich sind.

Guttenberg und Koch-Mehring haben das Gegenteil getan, sie haben sich hingesetzt und behauptet:

We are the giants.

Sie haben nicht erwähnt von wem eine Idee, eine Formulierung kam. Sie haben nicht klar gemacht, wer sie inspiriert hat, wessen Gedankengänge sie kritisch betrachten.

Selbstverständlich kann niemand das Urheberrecht an der Schwerkraft und deren Mechanismen haben, sehr wohl aber an ihrer Entdeckung und Berechnung. Das bedeutet noch lange nicht, dass diese von anderen nicht oder nur gegen Lizenzgebühren verwendet werden dürfen – hier ist übrigens der große Unterschied zwischen Wissenschaft und Literatur zu finden. Doch niemand darf behaupten dürfen, er hätte die Mechanismen der Schwerkraft entdeckt und beschrieben, außer dieser jemand ist zufällig  Sir Isaac oder Albert Einstein.

Es ist schade, dass die Unterschiede zwischen Urheber- und Nutzungsrecht immer wieder verwischt werden. Was die gegenwärtigen Plagiatsfälle in der Wissenschaft [wenn wir Jura und Ökonomie großzügig darunter subsumieren] angeht, geht es nicht um vage ethische Konzepte wie Ehre oder Stolz, sondern um die ganz praktische Anwendung. Es geht um Überprüfbarkeit von Arbeiten, es geht um Karrierechancen und es geht um neue Erkenntnisse.

Kommt Frau Koch-Mehrin mit ihrer fast beispiellosen Unverschämtheit, erst abzuschreiben, dann u.a. mit dem akademischen Grad Karriere zu machen und zu guter Letzt auch noch bei allen anderen außer sich selbst Schuld zu suchen durch, brauchen zukünftige Kandidaten im Grunde nur noch Lorem ipsum auf 150-250 Seiten zu kopieren. Eigene Leistung? Wen interessiert’s.

Und komme mir keiner damit, Guttenberg und die FDP-Europafaulenzerin seien durch den Entzug des Doktorgrades bestraft genug. Das wäre so, als würde der Autodieb bestraft werden, wenn er das gestohlene Auto zurückgeben muss.

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Universität Hamburg hat eine Online-Petition gestartet, die das Europarlament und die FDP auffordert, die Kopistin nicht als Vollmitglied in einem Ausschuss zu Wissenschaft und Forschung bleiben zu lassen. Ich unterstütze diese. Sie auch?

Notes:
1. Edit 10. Mai 2015: Da der Original-Link nicht mehr zum FAZ-Artikel verlinkte, sondern ins Leere führte, geht es jetzt zum Internet Archive.
Edit 10. Mai 2015: Da der Original-Link nicht mehr zum FAZ-Artikel verlinkte, sondern ins Leere führte, geht es jetzt zum Internet Archive.

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