Symboltext

Da ist es wieder passiert, einen Moment lang brach die [US]-Börse ein, weil ein Tweet behauptete, im Weißen Haus hätte es eine Explosion gegeben und der Präsident der Vereinigten Staaten wäre verletzt. Darf ich geneigte wie ungeneigte Leser auf das von mir eingesetzte Konjuktiv II hinweisen? Es steht bei der Wiedergabe von Daten, über deren Existenz keine Sicherheit herrscht. Oder eingängiger: Es steht für Hörensagen. Journalisten benutzen es ungern, da es Zweifel lässt, ja, den Brennpunkt auf die Zweifel setzt. Es klingt auch etwas sperrig und altbacken. Anders als Konjunktiv I – ‘sei’ -, das Journalisten sehr gerne benutzen, ermöglicht es ihnen doch, anonyme Quellen als Gerüchtestreuer zu benutzen.

Seit einigen Monaten haben Redaktionen einen weiteren Weg gefunden, Gerüchte zu streuen, falsche Verbindungen herzustellen: Twitter.

Screenshot von Tagesspiegel Online, 26. April 2013: Bild  Twitter-Logo, Anreißer über angebliches Attentat auf Obama

Ist das Problem, wie durch das Bild im Anreißer auf der Frontpage des Tagesspiegels am 26. April 2013, 10:15 Uhr suggeriert, Twitter und die unmittelbare Kommunikation von Menschen überall auf der Welt? Oder liegt das Problem nicht doch daran, dass Menschen immer mehr ausgeschlossen werden, zugunsten automatisierter, “semantischer” Systeme, die Entscheidung emulieren?

Wie kann es sein, dass Börsianer ihre ureigenen Fähigkeiten, rationale und irrationale Folgerungen zu Entscheidungen zu kombinieren, an einen Computer abgeben? Natürlich sind Menschen langsamer, aber Computer sind nicht, wie viele SF-Autoren hofften, rationaler. Diese Woche hat ein Computer recht erfolgreich Angst emuliert. Er hat eine Kombination von Wörtern gefunden, zu der sein Programm sagt ‘Schnell weg, da ist ein Tiger im Unterholz!’ So wenig wie unsere Vorfahren, bei denen sich solche Angstmechanismen herausbildeten, geblieben sind und gekuckt haben, was denn an ihrem Eindruck, da sei eine Gefahr, dran ist, so wenig hat der Computer einen Moment innegehalten. Er ist losgelaufen.

Der Computer wusste es nicht besser. Er hatte auch keine Rückfallposition, in der er bei solchen Meldungen erst einmal nur eine Warnung herausgibt, man möge doch bitte das Gerücht untersuchen. Das ist nicht vorgesehen, denn da könnten wertvolle Minuten vergehen, bevor eine Entscheidung getroffen wird, die möglicherweise Milliarden einbringt. Wir leben aber nicht nur in einer Milliarden-pro-Sekunde-Börsenwelt, wir leben auch 24/7-Nachrichtenwelt, in der jeder der erste sein möchte.

Der kurzzeitige Börseneinbruch durch die falsche AP-Meldung über Twitter war nicht das einzige, was im Nachrichtenbereich schief ging. CNN vermeldete bsplw. letzte Woche sehr früh, als erste, die Festnahme eines Verdächtigen in Boston. Darüber wurde auch dann noch berichtet, als schon lange klar war, dass die Reporter vor Ort einen Bock geschossen hatten. Da war dann das Chaos in Boston schuld, die eigenen Informanten, dioe ‘bisher immer zuverlässig’ gewesen wären. Keiner bei CNN kam auf den Gedanken, dass man sich selbst geschlagen hatte – ja, man hatte die Meldung als erste! Dummerweise war sie falsch.

Recherche findet nicht mehr statt. Hauptsache man ist als erster und exklusiv dabei. Als ob es überhaupt exklusive Nachrichten gäbe. Nicht das Internet ist schuld, nicht Twitter, Facebook oder Google. Schuld ist ein Hundertmeterlaufverständnis von Journalismus.

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