Einbahnstrasse im Kreisverkehr

Nach meiner Studienzeit war ich selten mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Im Fernverkehr praktisch gar nicht mehr, in der Stadt – oder auch mal raus – weniger als zwei Handvoll Fahrten pro Jahr. Motorrad, Auto und Fahrrad waren ausreichend. Brachten auch mehr Spass. Inzwischen nicht mehr, zumindest was das Auto angeht. Diese Woche habe ich nach reiflicher Überlegung entschieden, vor allem auf ÖV, Füsse und Fahrrad zu setzen; das Auto wurde verkauft. Und das Grausen begann.

Die erste App für den Fahrkartenkauf beim HVV, damals noch für Windows Mobile 6.1, war auch eine der ersten Apps auf meinem Smartphone. Sie sah schrecklich aus, war selbst mit dem Stylus nicht einfach zu bedienen, hatte immer Probleme mit dem Verbindungsaufbau zum Server [auch im heimischen WLAN klappte das bestenfalls jedes 3. Mal]. Immerhin hatte man mit ein wenig Glück am Ende eine gültige Fahrkarte auf dem Handy. Einen Barcodescanner hatten weder Busfahrer noch Fahrscheinkontrolleurer, aber das war nicht mein Problem.

Irgendwann stieg ich auf Android um. Die App, obwohl in Java programmiert, gab es dafür noch nicht, sie war auch nicht einfach so rüber zu kopieren. Auftritt der Firma HanseCom, die mit HandyTicket antrat, eine Universal-App für den Fahrkartenkauf in verschiedenen ÖV-Verbünden anzubieten.

Die Anwendung war etwas einfacher zu lesen und zu bedienen, lief zu Beginn allerdings nicht robuster. Serververbindungen brachen mitten im Kaufvorgang ab, die Software selbst crashte auch schon mal einfach so. Aber es gab hin und wieder Updates, auch die HVV[?]-Server waren irgendwann sauber ausgebaut – hatte ich ein Netz, lief der Kauf reibungslos. Meldete ich mich über die Website des HVV an meinem Kundenkonto an, konnte ich Nachweise über die gekauften Fahrkarten ausdrucken, um sie z.B. bei der Steuer einzureichen.

Linksverkehr als Zirkeltraining

Alles lief, ich hatte keinen Anlass das System auf meiner Seite zu ändern.

Bis ich diese Woche Belege sammelte. Und feststellte, dass der HVV mich zwar weiter mit HandyTicket einkaufen liess, aber bereits seit März auf eine extra für ihn gebrandete neue App setzte, die von EOS Uptrade hergestellt wird.

HVV mobiler Ticketkauf [direkt verlinkt]

Die Seite mit Informationen für den mobilen Kauf von Fahrkarten beim HVV. Unten der Link zur Seite von HandyTicket mit Hinweis, dass ‘Sie natürlich weiter’ genutzt werden kann. Bis gestern Mittag führte der Link zur Startseite von HandyTicket:

HandyTicket Startseite [direkt verlinkt]

Dort klickte ich dann auf ‘Anmelden’ und gelangte zu

HandyTicket Regionsauswahl [direkt verlinkt]

Klickte ich dort auf die Region Hamburg, gelangte ich zurück zur mobilTicket-Seite [siehe Bild 1] des HVV. Nicht hilfreich.

Ausfahrt geändert

Ein Anruf beim Kundenservice, lernte ich so, kann nicht nur nette Gespräche zur Folge haben. Ich fragte, wo ich denn jetzt meine Belege herbekäme, erfuhr nebenbei, dass der Kauf über HandyTicket ab Mitte nächsten Jahres ganz beendet würde und bekam einen Tipp, äh, Link – nämlich zur Anmeldeseite des HVV für HandyTicket.

Login für HandyTicket im HVV [direkt verlinkt]

Selbstverständlich gab ich den Hinweis, dass ein direkter Link zu dieser Anmeldeseite und ein kurzer Satz, dass der HVV aus diesem System aussteigen wird, prominent gesetzt sein sollte. Überraschenderweise lernte ich heute Vormittag, als ich die Bilder für diesen Beitrag zusammenstellte, dass dies bereits teilweise umgesetzt ist! Der Link unterhalb HandyTicket Deutschland [siehe Bild 1] führt jetzt zur echten Anmeldeseite.

Netzverkehr

Kommen wir noch einmal zurück zur neuen Smartphone-Anwendung, in diesem Fall für Android Da HandyTicket nur noch widerwillig unterstützt und für den HVV bald eingestellt wird, schnappte ich mir die neue, die auch Fahrplanauskunft und einiges mehr enthält. Dieses Mehr ist für mich unerheblich, für Fahrpläne nutze ich Öffi, das die Entwickler der Fahrinfo Hamburg vermutlich mehr als einmal angeschaut haben.

Die HVV-App Fahrinfo Hamburg ist sehr gross und wächst bei der Installation – sowie vermutlich regelmässig zweimal im Jahr – weiter, da laut Infofenster zusätzlich Fahrpläne auf das Fon geladen werden. Klingt im ersten Moment gut, da man auch ohne Netz seine Bahn- und Busverbindungen nachschlagen kann. Was wiederum wirklich nur was bringt, wenn ich von dort gleich eine Fahrkarte kaufen könnte – was selbstverständlich eine Netzverbindung benötigt. Wenn ich aber im aktiven Netz bin, ist es sinnvoll, Fahrplanauskünfte auf dem Server laufen zu haben. Das spart Platz und bringt Aktualität.

Die Bedienung ist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig und umständlicher als nötig. Das mag an der Ausrichtung an iOS liegen; warum allerdings gekaufte Fahrkarten nicht etwa irgendwo unterhalb ‘Fahrkarten’ zu finden sind, sondern unter ‘Buchungen’ bleibt ein Geheimnis der UI-Lastenheft-Ersteller. Ebenso problematisch ist die Aufteilung der Fahrkarte auf drei Seiten. zuerst zu sehen ist die von Menschen lesbare, klassische Fahrkarte, danach folgt eine Seite mit ihrem QR-Code, zuletzt eine mit rechtlichen Hinweisen. Das ginge auch anders.

Während das Layout zu verkraften ist, ist das Systemdesign in der Kernanwendung – Fahrkarten – erheblich fehlerhaft. Als ich die App das erste Mal nutzte, kaufte ich die Karte zu Hause, verbunden über mein WLAN. Obwohl mein Netz robust und stabil ist, brach der Kauf mehrfach mittendrin ab, mal mit ‘500 interner Serverfehler’, mal einfach so. Die App reagiert dann auch nicht mehr, musste über das OS beendet, dann wieder neu gestartet werden. Mindestens einmal wurde das korrekt eingegebene Passwort nicht erkannt.

Nach jedem Fehler wurde mir mitgeteilt, dass etwas schief gegangen sei, ich solle doch bitte schauen, wie es um meinen Kauf stünde. Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, dass gekaufte Karten unter ‘Buchungen’ zu finden sind. Wie gesagt, nicht hilfreich.

10 Minuten später hatte ich endlich meine Tageskarte, machte mich auf zur Bushaltestelle, wo ich zwei Minuten Wartezeit nutzte, um die Software besser kennenzulernen und einen Blick auf die Fahrpläne zu werfen. Grosser Fehler. Als ich zur Fahrkarte zurück navigierte, war die verschwunden!

Ich sollte mich neu am Server anmelden. Was schwierig war, da ich kein Netz hatte. Da kein Netz, keine Verbindung zum Sever, keine Fahrkarte. Ehrlich? Eine mobile Fahrkarten-App, die Fahrpläne lokal vorhält, aber die wirklich viel wichtigere Fahrkarte in dem Moment verliert, wenn man zu einer anderen Funktion der Software navigiert, ohne eine Netzverbindung zu haben? Das kann nicht Ernst gemeint sein, liebe Programmierer, ändert das schnellstens.

Am liebsten wäre mir, auch der HVV legte die API für seine Fahrplanauskunft und am besten gleich für den Kartenkauf offen, so dass Drittanbieter darauf zugreifen können. Der Autor von Öffi müsste dann nicht durch brennende Reifen springen, um uns Hamburgern Fahrplandaten anzubieten. Könnten wir dann noch direkt aus seinem Programm heraus Karten kaufen, müssten wir uns nicht den Speicher unserer Smartphones mit Halbgarem vollknallen.

PS:

Auch die [Android-]App für Fahrkarten in Berlin lässt zu wünschen übrig, das System ist dort aber prinzipiell sehr nutzerfreundlich: Der Fahrgast legt den Startpunkt einer Fahrt per QR-Code, GPS oder manuell fest, startet die Fahrt. Bei Ankunft am Ziel, beendet er die Fahrt. Das für jede einzelne Tour, die er mit ÖV unternimmt und am Ende des Tages fasst das Unternehmen alles zusammen und errechnet den für die Fahrerin günstigsten Fahrkartenpreis.

Kombiniert man das mit kostenlosem WLAN in jedem Bus und jeder Bahn, könnte das weiter vereinfacht werden. Ich hätte auch nichts dagegen, gäbe es eine App für alle Verkehrsverbünde und die Deutsche Bahn.

Notes:
1. Aus rein praktischen Gründen habe ich mir, nachdem mein letztes Motorrad gestohlen wurde, kein neues zugelegt.
2. Jetzt kann jeder Nutzer wieder seine Belege ausdrucken, leider nur für die letzten 12 Monate.
3. Es gibt sie auch für iOS, möglicherweise unterscheidet diese sich deutlich von der Android-Version.
4. oder der ebenfalls korrekt eingegebene Nutzername
Aus rein praktischen Gründen habe ich mir, nachdem mein letztes Motorrad gestohlen wurde, kein neues zugelegt.
Jetzt kann jeder Nutzer wieder seine Belege ausdrucken, leider nur für die letzten 12 Monate.
Es gibt sie auch für iOS, möglicherweise unterscheidet diese sich deutlich von der Android-Version.
oder der ebenfalls korrekt eingegebene Nutzername

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