Digitalfotografie: Das unbekannte Wesen Histogramm

Viele Artikel zum Thema ‘So machen Sie bessere Bilder’ weisen darauf hin, das Histogramm im Auge zu behalten. Dieser Ratschlag ist recht neu – es gibt ihn erst seit wir unsere Fotos digital bearbeiten – und Blödsinn.

Breaking Out

Bevor Kameras digital wurden, gab es keine Möglichkeit vor Ort die Belichtung unserer Fotos zu überprüfen. Fotografen vertrauten ihrem Belichtungsmesser und ihrer Erfahrung mit bestimmten Filmen; jede neue Emulsion konnte unerwartete Ergebnisse bringen. Schwarzweiß-Fotografen erarbeiteten die endgültige Belichtung ohnehin erst in der Dunkelkammer, oft selektiv – vorne etwas dunkler, hinten heller, dort ein wenig abwedeln, hier etwas nachbelichten. Wer Farbfilm nutzte, besonders Farbumkehrfilm, musste bei der Aufnahme alles richtig haben.

Heute haben Kameras nicht nur einen genauen Belichtungsmesser eingebaut, sie zeigen auf einem Bildschirm auch, wie sich die Lichtwerte insgesamt oder pro Farbkanal verteilen.

Balanced HistogramDieses Bild wurde mit einem Lensbaby 2.0 an einer Nikon D2x aufgenommen, daher die etwas seltsame Schärfeverteilung. Links unten sehen Sie das Histogramm für das Foto. Die Ausrichtung Links<->Rechts hat NICHTS mit der Ausrichtung des Fotos zu tun, das Histogramm hat links den Wert 0 [Null], rechts den höchsten Wert, bei 8-bit ist das 255. Oder anders: Links ist es dunkel, rechts ist es hell. Nach oben wird die Menge der Pixel angezeigt, die den Wert auf der x-Achse haben.

Ausgleichende Verrechnung

Im Beispielbild mit dem Klee ergibt sich ein annähernd ausgeglichenes Histogramm, alle Werte von 0 bis 255 sind vorhanden, die Verteilung ist recht gleichmäßig mit einem Hügel im Mittelbereich. Eine mathematisch ideale Verteilung entspräche der Gauß’schen Normalverteilung. Und glauben wir vielen Artikeln zum Thema, so sollten unsere Fotos ein solches Histogramm aufweisen.

Bleiben wir einen Moment beim Klee im Gras, dessen Werte einige Ausreißer aufweisen. Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie, dass sowohl rechts wie links die Kurve schon früh abflacht, dann aber eine Spitze ganz am Rand zeigt. Während außerdem die Kurven für den roten und den grünen Kanal nur wenig auseinander liegen, ist der blaue Kanal nach links verschoben. Und doch sieht das Bild ganz ordentlich aus, viel grünes Gras, die starken rosa Tupfen der Kleeblüten zeigen gute Zeichnung, nicht zu dunkel, nicht zu hell. Echtes Blau ist nicht zu sehen, es mischt sich in den Blüten und vor allem in den Schatten, die aber selbst bei dieser kleinen Bildgröße gut Zeichnung haben.

Offensichtlich hängt die Belichtungsqualität eines Fotos gar nicht so sehr von der Lichtwerteverteilung ab. Erinnern wir uns noch einmal: zu Filmzeiten nutzten Fotografen ihre Erfahrung, keine stochastische Gleichung, um Bilder zu machen.

Ausgerechnet ausgerissen

Nun kann ein Histogramm auch völlig anders aussehen, komplett daneben:

Histogram to the left [dark]

Die Verteilungskurve ist hier weit nach links, ins Dunkle, verschoben, es fehlen sowohl dort wie auch im mittleren Bereich und in den Lichtern viele Werte völlig. Je eine kurze und eine sehr lange Spitze sind ganz am Rand gerade noch erkennbar. Dafür sind alle drei Kanäle praktisch deckungsgleich.

Das entgegengesetzte Beispiel:

Histogram to the right [bright]Dieses Histogramm müsste einigen Technikautoren einen Herzinfarkt geben, da ist nichts schön über die ganze Breite verteilt, in der Mitte gibt es einige kleinere Ballungen, links gar nichts, rechts hingegen eine starke Ansammlung, die noch dazu abgeschnitten ist. Entsetzlich! Trotzdem sieht das Bild gut aus.

Rechenraum vs. Spielraum

Das Histogramm zeigt uns Zahlen, es ist eine mögliche mathematische Beschreibung eines Bildes. Nicht mehr, nicht weniger. Wir müssen diese Zahlen und deren grafische Darstellung interpretieren, nur dann können wir Nutzen daraus ziehen. Am Ende sind wir Fotografen es, die Entscheidungen treffen müssen, nicht irgendwelche Algorithmen, die uns Hilfestellung geben.

Von den drei Beispielbildern ist das mit der Kleeblüte das langweiligste. Es ist irgendwie sauber belichtet, aber nicht mehr. Die künstliche Höhle des Schlosses Schwerin ist viel interessanter, in den Schatten könnten Monster lauern, das helle Licht im Hintergrund scheint weit weg doch verheißend – das Histogramm lässt ein düsteres, unterbelichtetes, “schlechtes” Bild erwarten, tatsächlich lebt es von der unorthodoxen Werteverteilung. Genauso verhält es sich mit dem Produkt-Shot des Handys, bei dem es auf Details des Telefons ankommt, nicht auf Struktur im weißen Hintergrund. Wobei ich den Hintergrund nicht völlig überbelichtet habe, wie bei dieser Größe noch am Schatten des Handys erkennbar.

Worauf es wirklich ankommt

Denken Sie immer darüber nach, was Sie in ihrem Foto sehen wollen, was wichtig ist, was auch dem unbedarften Betrachter auffallen soll. Versuchen Sie ganz gezielt, durch ihre Belichtung die Bildteile zu betonen, auf die es ankommt und die auszuschalten, die uninteressant sind.

Dabei kann Ihnen ein Histogramm helfen, wenn Sie es zu interpretieren verstehen. Kommt es, z.B. für den späteren Druck, darauf an, große weiße oder schwarze Flächen zu vermeiden, benutzen Sie besser die meist blinkende Warnfunktion für Über-/Unterbelichtung.

 

PS: Das Aufmacherbild hat natürlich ein alles andere als ausgeglichenes Histogramm.

  1 comment for “Digitalfotografie: Das unbekannte Wesen Histogramm

  1. Lumini
    2012/07/19 at 15:20

    Danke für diese wirklich verständliche Erklärung!

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