… des Betrachters

Paul Marinus Jonkens stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, seine Eltern waren nicht wohlhabend, kamen gerade über die Runden. Sein Vater scherzte gegenüber Bekannten immer, dass sie sich zwar mehrere Vornamen leisten konnten, aber keine weiteren Kinder. Immerhin hatte er sich gegen seine Frau durchgesetzt, die gerne eine Tochter gehabt hätte – Paul Marinus hätte auch Paul Karolina heissen können. Sagte sein Vater immer.

Für den kleinen Paul war bald klar, dass seine Eltern sich auch all den ‘unnützen Krams’, wie Papa es immer nannte, nicht leisteten: Literatur, Kunst, Theater. Nicht einmal ein kleines Lexikon gönnte man sich. ‘Was wir wissen müssen, steht morgens in der Zeitung oder kommt abends in der Tagesschau!’, sagte seine Mutter immer, ‘Und der Kleine geht ja in die Schule.’ Sie glaubte das wirklich, Lehrer brachten ihrem Sohn alles bei, was er wissen muss, und in der Zeitung steht alles Wichtige.

Ein Buch hatte der kleine Paul Marinus Jonkens, ein Nachbar hatte es weg geworfen, es lag eines Tages obenauf in der vollen Mülltonne. Es hatte den Jungen fasziniert, weil es so gross war und voller Bilder. Das waren ganz andere Bilder als in seinen Schulbüchern, in denen es nur einfache Zeichnungen gab, von kleinen Jungen, die zu Häusern liefen, mit Hunden, die rumtollten. In diesem Buch war alles farbig, manchmal hell, manchmal ganz dunkel. Grossflächig, gemalt, Menschen, die richtig echt aussahen, Landschaften, Engel, Obst …

Seinen Eltern war das Buch, wie erwartet, egal, Hauptsache es lag nicht im Weg rum. Über die Jahre erhielt es Flecke, Knicke, Risse. Es wurde als Untersetzer für Biergläser verwandt, heissen Töpfen diente es als Abstellbrett, auch Schneidunterlage war es schon. Paul Marinus Jonkens tat sein Möglichstes, das Buch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, es zu säubern, zu reparieren. Es war nicht so, dass er es liebte, es war schliesslich nur ein Gegenstand; er liebte seine Eltern. Aber das Buch war das einzige in seinem jungen Leben, das nicht alltäglich war.

In der Schule hörte und sah Paul Marinus Jonkens wenig von alten Meistern oder modernen Künstlern, im Kunstunterricht ging es nur darum, irgendwie selbst etwas auf Papier zu bringen, mal mit Bleistift, mal mit Tusche. Immerhin sollte er später Abitur machen – Pauls Eltern vertrauten den Lehrern, den kleinen Paul zu ‘etwas Besserem’ zu machen. So kam er in ein Kunstmuseum, wo ihm klar wurde, wie wenig die Bilder im Buch der Wahrheit entsprachen. Ihnen fehlt die Grösse – äussere wie innere. Sie waren nur Abbildungen, Abklatsch.

Die anderen Schüler waren gelangweilt, aber Paul Marinus Jonkens wollte mehr sehen, mehr verstehen. Er bummelte oft nach der Schule in das Kunstmuseum, suchte in Buchhandlungen nach mehr Büchern über Malerei. Er kaufte keines, blätterte immer nur schnell durch. Ihm fehlte das Geld, sie zu kaufen. Ausserdem waren diese Bücher nur schwacher Ersatz für echte Kunst. Bilder aus allen Epochen, von allen Malern, alle faszinierten ihn. Warum andere manchen Bildern, ja ganzen Kunstrichtungen nichts abgewinnen konnten, verstand er nicht. Ihn interessierte nur, ob ein Bild gut war.

Einer seiner Lehrer antwortete ihm einmal, als er fragte, was denn gute Kunst sei: ‘Alles Geschmackssache, wie beim Essen, entweder es schmeckt oder nicht.’ Eine Theorie, die er bisher nirgendwo gelesen oder gehört hatte, sie klang ihm nicht einleuchtend. Doch Paul Marinus Jonkens hatte auch von seinem Vater was gelernt: ‘Junge, musst du ausprobieren, sonst weisste das nicht.’

Am nächsten Tag stahl er sich aus der Schule, machte sich ins Kunstmuseum auf. Dort hingen die meisten Bilder einfach so an der Wand. Es war nicht viel los und Wächter gab es nur hinter der Kasse – einen, der die gerade frisch gekaufte Eintrittskarte zerriss. Es war dem Jungen bewusst, dass sein Vorhaben nicht ganz in Ordnung sein konnte, aber es musste sein. Im Interesse der Kunst.

Zuerst ging es in den Saal regionaler Künstler. Keiner war hinter Glas oder besonders geschützt; auch boten sich ihm hier ganz verschiedene Stile und Epochen. Paul Marinus Jonkens achtete darauf, zuerst zu einem Gemälde zu gehen, das von den Türen nicht leicht einzusehen war. Davon gab es ein paar, verteilt über die Ecken des Raumes. Er war auch froh, dass die meisten Bilder in diesem Saal nicht besonders gross waren, drüben gab es einige ältere, wandhohe Gemälde; wie er mit denen umgehen sollte, war ihm nicht klar. Aber das hatte Zeit, erst einmal musste er sehen, ob die Theorie stimmte.

Ein kleines Bild, eine Landschaft, kaum grösser als ein DIN-A4-Blatt, dazu der Rahmen. Aber der spielte keine Rolle. Paul Marinus sah sich noch einmal vorsichtig um. Niemand in der Nähe, kein Wachmann, keine Besucherin. Er machte einen Schritt auf die gerahmte Landschaft zu, neigte sich nach vorne und leckte einmal schräg über das Bild. Noch einmal sah er sich um, immer noch niemand. Er leckte jetzt kleinere Abschnitte, systematisch über das Bild verteilt. Da war etwas. Aber was. Er konnte es nicht einordnen.

Hastete zum nächsten Bild, ein Portrait, kleiner als die Landschaft eben. Lecken, lecken, lecken. Das war anders. Noch einmal Landschaft. Wieder Portrait. Paul Marinus Jonkens achtete kaum noch auf sein Umfeld, lief zwischen diesen beiden hin und zurück, leckte, schmeckte, versuchte zu verstehen.

Tatsächlich! Kunst war Geschmackssache!

Paul Marinus Jonkens wurde von der Polizei nach Hause gebracht. Seine Eltern waren nicht sehr erfreut, alle Nachbarn sahen zu und würden sich das Maul zerreissen. Sein Buch nahmen sie ihm weg, sie wussten zwar nicht, was ihr Sohn eigentlich getan hatte, was daran so schlimm sein sollte – ausser, dass er überhaupt in einem Museum war –, doch schuld war sicher dieses Buch! Sie waren schliesslich gute Eltern. Hausverbot im Museum hatte er auch, und sein Vater verbat ihm noch einmal, dort je wieder hin zu gehen. Bücher, Museen, Kunst – alles Unsinn, gefährlicher Unsinn, sonst hätte die Polizei seinen Sohn ja nicht …

Aber Paul Marinus Jonkens wusste jetzt, was er einmal werden würde.

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