Digitales Toilettenpapier

Deutschen Publikationshäusern geht es schlecht. Ihre Printauflage geht seit Jahrzehnten stetig zurück, Werbe- und Mediaagenturen verteilen ihre Budgets lieber woanders. Und im Internet will auch niemand mit ihnen spielen. Nicht zu vergessen, die wirklich miserable Qualität, die man natürlich den Lesern schuldet, denn die wollen das ja so.

Was macht man da? Erst einmal nervt man potenzielle Leser mit uninteressanter Werbung, die kaum erkennen lässt, wo denn der dürftige Redaktionsanteil ist. Später kommt man auf die Idee, Leser zu ärgern, indem man ein Overlay über einen Text legt, das einen darauf hinweist, mal auf die Homepage zu schauen, die sei schliesslich soeben aktualisiert worden. Und wenn dann gar nichts hilft, die Menschen fern zu halten, bettelt man …

Kann man machen. Ebenso wie man den Nutzer auffordern kann, doch für die von ihm gewählte Variante, selber auf die Suche nach Abhilfe zu gehen. Immerhin bringt es SPON fertig, drei mehr oder weniger verbreitete Browser zu nennen – Safari vermutlich nur, weil die armen Redakteure mit Macs arbeiten.

Nun liesse sich über eine Ausnahme im Ad-Blocker reden, z.B. für reine Textanzeigen und einfache Google-Ads, die sich einem nicht schreiend wie ein verzweifelter Koberer morgens um 3 Uhr auf der Reeperbahn aufdrängen. Spricht grundsätzlich nichts dagegen, relevante Hinweise auf Produkte und Services zu erhalten.

Ich hätte nur gern meine Ruhe vor GIFs, Flash, ekliger Musik, brüllenden Anpreisern.

Was ich auch nicht sonderlich komisch finde, ist irgendwelche Malware, die über Web-Ads auf meinen Rechner kommen kann. Vielleicht möchte ich auch nicht von jedem mir unbekannten Hans und Franz getrackt werden. Stellen Sie sich einmal vor, auf der Strasse rennen dauernd Leute hinter Ihnen her, die genau aufzeichnen, in welche Schaufenster Sie schauen, welche Geschäfte Sie betreten, wo Sie sich länger als nur einen Schritt aufhalten. Da wird selbst der friedlichste von uns schnell zu ‚Auf’s Maul?’ greifen.

Im Internet soll ich mir das gefallen lassen? Soll nicht wählen, wer was von mir wissen darf? Nee, SPIEGEL, so nicht. Ich entscheide, was ich sehe, sehen möchte, wer Daten von mir bekommt, wer nicht. Meine Entscheidung, nicht eure, nicht die eurer Anzeigenabteilung, nicht die von irgendeinem Ad-Server. Da könnt ihr noch so sehr betonen, wieviel Ihr für meine ‚Sicherheit im Netz’ tut. Ihr verkauft auch Adressdaten

Immerhin haben sie bei SPIEGEL Online mitbekommen, dass es mehr als AdBlock Plus gibt, sogar Ghostery ist dem Prinzip nach wohl bekannt. Der von mir bevorzugte Browser Opera hatte als erster einen eingebauten Ad-Blocker, ausserdem einen einfachen VPN/Proxy. Es gibt sogar VPN-Dienste, die ein Ad-Blocking serverseitig anbieten. Wird wohl gute Gründe haben. Und Nachfrage.

A propos Nachfrage, wie ist das noch in einer auch vom SPIEGEL so gern propagierten Marktwirtschaft: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Sieht ein wenig danach aus, als sei die Nachfrage für Nachrichten, Meinungen und Clickbaiting deutlich kleiner als das Angebot. Daraus folgen weniger Besucher und geringere Einnahmen. Muss man also sein Geschäftsmodell überdenken – oder Gesetze fordern.

Man könnte die Menschen zwingen, Medien-Sites zu besuchen. Man könnte von Suchmaschinen Geld verlangen, weil die einem Besucher vorbei bringen. So wie Koberer von Taxifahrern Geld erhalten, wenn die Gäste zum Puff bri… Moment, nee, das ist anders.

Was keinesfalls passieren darf: Höhere Qualität. Korrekturleser. Redakteure, die einordnen. Korrespondenten, die nicht jeden Furz als Sensation melden. Feuilletonisten, die mehr Meinung als Ahnung haben. Von Wissen ganz zu schweigen. Ausgiebige Recherche.

Das geht alles gar nicht, kostet nämlich Geld. Das will der Anteilseigner nicht. Renditen müssen her, am besten zweistellig. Auch wenn die Weltwirtschaft gerade einmal einstellig wächst. Wenn überhaupt.

Nope, SPON, Nachrichten sind im Internet niemals exklusiv. Meinungen a dime a dozen. Als Klopapier eignet sich eure Site auch nicht. Und tschüss!

Notes:
1. Alle Zeitschriftenverlage haben einen mehr als guten Nebenverdienst durch Adresshandel.
Alle Zeitschriftenverlage haben einen mehr als guten Nebenverdienst durch Adresshandel.

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