Eine kleine Auseinandersetzung über Journalismus

Mir stieß gestern eine Sache auf, über die ich bei Twitter stolperte. ZEIT Online rief Menschen, die mit dem katastrophalen Hochwasser im Süden und Osten Deutschlands zu tun haben, auf, ihre Erlebnisse als ‘Leserartikel’ einzusenden.

Hier der Ablauf der Konversation auf Twitter:

Mich stören an diesem Aufruf gleich mehrere Dinge. Da wäre die unglaubliche Frechheit, eine Katastrophe auszunutzen, um den Lesern, die im Trocknen sitzen, spannende, emotionale, aufwühlende Unterhaltung zu bieten. Die Menschen, die betroffen sind, die tatsächlich ihre Habe davon schwimmen sehen, die ‘bis zum Bauch im Wasser’ stehen, brauchen anpackende Hilfe. Die haben keine Zeit, Artikel für ein großes – oder auch kleine – Nachrichtenmagazin zu schreiben.

Aber diese – nennen wir es – weltfremde Haltung ist nur ein Problem. Es ist nichts Neues, das Katastrophenberichte gerne gelesen werden und das Argument, den sicher im Garten grillenden Lesern das Leid der Hochwasseropfer näher zu bringen, klingt ja auch nicht schlecht. Mein erster Antwort-Tweet bezog sich daher auch darauf, wie Journalisten früher mit so etwas umgingen: Es wurden Reporter los geschickt oder vor Ort rekrutiert, die sich einen Überblick verschafften, die Fotos machten, Menschen interviewten, alles an Informationen sammelten, was sie kriegen konnten [hoffentlich ohne im Weg zu stehen]. Das wurde an die Redaktion geschickt, wo Redakteure analysierten, zusammenfassten, einordneten und Texte schrieben. Die Dokumentationsabteilung warf noch ein paar Blicke ins Archiv, überprüfte die Fakten und die Schlussredaktion redigierte und schickte raus.

Verleger und Journalisten schreiben heute gerne vom Qualitätsjournalismus, der nur positiv mit dieser komischen Blogosphäre zu vergleichen sei. Sie greifen dabei auf genau jenes Bild zurück, das ich eben beschrieb und das in unseren Köpfen rumspukt. Journalismus ist harte Arbeit, das sind Menschen, die ausgebildet wurden, das Geschehen dieser Welt zu verstehen und verständlich zu machen. Menschen, die ihre eigenen Emotionen zurückstellen, die anderer in eine größere Geschichte einordnen. Das ist alles nicht ganz einfach.

Leser aufzurufen, Artikel zur Veröffentlichung zu senden, ist das genaue Gegenteil von Journalismus. Es ist träge. Man verlässt sich auf Tagebucheintragungen und Besinnungsaufsätze von Menschen, die in hoher Not sind. Selbst wenn sie Zeit finden, wenn sie Talent haben, ist es höchst zweifelhaft, ob sie in der Situation, in der sie stehen, etwas schreiben können, was journalistischen Kriterien entspricht. Das ganze erinnert mich an jene Verlage, die in Zeitungsannoncen Autoren suchen, deren Sachen auf jeden Fall bei ihnen veröffentlicht werden, egal wie schlecht – solange die Schreiber nur ordentlich Geld für die Veröffentlichung zahlen! Wird ZEIT Online als nächstes von ihren “Leserredakteuren” auch Geld verlangen, damit die Beiträge veröffentlicht werden?

Es gibt noch einen Aspekt, den ich gestern erst später aufgriff: Schaulustige. Ich bin sicher, es gibt genug Menschen, die auf den Anfrage reagieren, möglicherweise eigene Hilfemaßnahmen pausieren, um einen ‘Leserartikel’ zu schreiben und mit Fotos auszustatten. Viele, die nicht betroffen sind, überlegen vielleicht, sich jetzt in die Hochwassergebiete zu begeben, dort mit dem Handy Fotos zu machen, was zu schreiben – und generell im Weg rumzustehen. Katastrophentourismus mit Aufruf. Reicht selbstverständlich für einen weiteren Tag Artikel ohne neue Informationen: ‘Gemeine Glotzer behindern Hilfsmaßnahmen!’

Zu guter Letzt frage ich mich, warum ich ZEIT Online lesen und in irgendeiner Form dafür zahlen soll, wenn dort Leser die Artikel schreiben. Leser, die auch in Blogs veröffentlichen. Mehrwert ZEIT Online gleich Null.

Notes:
1. Ursprünglich meinte ich damit nicht Wissenschaftsverlage, aber deren Geschäftsgebaren ist oft dem der Abzocker nicht unähnlich.
Ursprünglich meinte ich damit nicht Wissenschaftsverlage, aber deren Geschäftsgebaren ist oft dem der Abzocker nicht unähnlich.

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