Es gibt keine Anständigen

Die US-amerikanischen Nachrichtendienste horchen uns aus, die britischen sehen uns zu, sicherlich beschäftigen sich auch chinesische, russische, israelische Sicherheitsbehörden mit uns. Mit uns. Das ist ganz wichtig.

Bisher haben wir nur Informationen über Dienste befreundeter Länder – USA, UK, Frankreich – und unsere eigenen Jungs und Mädels in Pullach, aber wir können sicher sein, dass die nicht ganz so guten Freunde auch gerne mehr über uns wissen, als wir. Möglicherweise horchen und kucken sie mehr ihrem kleineren Budget angepasst gezielter, forschen Wirtschaftsunternehmen aus. Selbstverständlich belauschen sie Diplomaten und Politiker. Ist immer gut, bei Verhandlungen einen Wissensvorsprung zu haben.

Der eine oder andere Sicherheitsdienst mag sogar ganz klassisch mehr HUMINT – human intelligence – als SIGINT – signals intelligence – sammelt, sich auf Menschen verlässt, nicht einfach alles abgreift, was elektronisch verbreitet wird. Die interessieren sich mehr für reale Bedrohungen, die sie verhindern können. Sie überlassen die allgemeine Datensammelwut den anderen, die dann im Nachhinein analysieren können, was sie vor einem Angriff übersahen. Ich weiss es nicht, ich vermute nur. Das hat ja alles was mit Geld zu tun.

Was ich weiss: Wir alle werden überwacht. Und wenn es nach so manch Polizeifunktionär und Sicherheitspolitiker geht, dann muss das so sein. Weil wir alle was zu verbergen haben. Weil die Aufklärungsraten gesteigert werden könnten. Weil man Taten verhindern könnte. Die haben alle einmal zu wenig Minority Report gesehen. Oder sie haben ein Problem, den Film zu erfassen.

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen:

Wir alle werden überwacht!

Neben dem eben angeführten Begründungen der Sicherheitsfreaks gibt es zwei immer wiederholte Argumente der überwachten, warum das alles ganz i.O. sei.

  1. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten!
  2. Das war schon immer so, das wussten doch alle!

Die Nummer 2 hat Wolfgang Michal bereits aufgegriffen. Was Punkt 1 angeht, sollte eigentlich jedem sofort aufgehen, wie blöd das ist. Die gleichen Leute, die mir damit kommen, dass anständige Menschen doch nichts zu verbergen hätten – übrigens gerne in der Pseudonym-Diskussion im Internet genommen –, wehren sich vehement gegen eine Pflicht für Fahrtenschreiber in jedem Auto. Man könne ja nicht alle Autofahrer unter Generalverdacht stellen! Wo sind wir denn! Ist doch nicht die DDR!

Es gibt aber eine Variante, die komischerweise auf der Seite der Kritiker von Überwachung hin und wieder kommt:

Wie schnell kann auch ein anständiger … ins Netz der Überwacher geraten!

Die Pointe der Totalüberwachung, wie sie uns gerade vorgeführt wird, ist eben, dass es keine Anständigen gibt. Alle sind verdächtig. Alle sind unanständig. Keine Ausrede. Irgendeine kompliziert aussehende Algorithmenbank mit statistischem Hintergrund stellt fest, dass Sie sich verdächtig benehmen – und bumms! Auf offener Strasse entführt, mit Drogen vollgepumpt und ab in irgendeine Einrichtung in irgendeinem Land, das Folter zulässt.

Kommt Ihnen nicht bekannt vor? Recherchieren Sie mal ein wenig nach Khaled al-Masri, einem völlig unschuldigen Mann, der ins Visier US-amerikanischer Dienste geriet. Man muss nicht paranoid sein, um ein wenig Angst zu bekommen. Nicht vor Privatunternehmen, die uns maßgeschneiderte Werbung anbieten wollen und darum gerne unsere Daten hätten, sondern vor den Regierungen, Politikern und Staaten, denen jedes Mittel recht ist, ihr Ziel zu erreichen.

Es ist ja nicht so, als wäre nicht längst klar, dass eine totale Sicherheit nicht möglich ist. Nicht einmal totalitäre Regime, wie das 3. Reich, in dem jeder jeden ausschnüffelte, in dem die Verbrecher gleich in der Regierung saßen, in dem jeder Angst haben musste, über Nacht zu verschwinden, weil im falschen Moment gelächelt wurde. Eine umfassende Datensammlung kann bestenfalls der Aufklärung von kriminellen Taten dienen, was bedeuten würde, dass die aufgezeichneten Daten so lange aufbewahrt werden müssen, bis die letzte Verjährungsfrist abgelaufen ist.

Tipp: Mord und Völkermord verjähren in Deutschland nie.

Wer sagt, es ‘erwischt auch die anständigen’ hat das Wesen der Totalüberwachung nicht verstanden. Ausserdem zeugt es von einer, sagen wir, flexiblen ethischen Einstellung. Wer ist denn bitte anständig? Diese Kategorie ist wunderbar für Polemiker geeignet, da sie nicht vernünftig zu definieren ist. Nicht einmal negativ – Ein anständiger Mensch macht x nicht. Ein anständiger Mensch tut y nicht. Jeder versteht etwas Anderes darunter. Ausser ein begnadeter Hetzer nutzt gruppendynamische Effekte, um eine grosse Masse an Menschen davon zu überzeugen, seine Kriterien seien die einzig richtigen, wenn es um Anstand geht.

Nein, es ist kein Zufall, als “anständiger” Mensch in einer total überwachten Welt verdächtig zu sein. Es ist das Wesen der Totalüberwachung.

Notes:
1. Faktisch ist das sogar richtig. Nicht nur zehntausende Spionageromane und Agentenfilme benutzen auch Wahres in Ihrer konstruierten Welt [besonders Tom Clancy und ähnliche], es finden sich auch dokumentarische und journalistische Werke, wie das von John Parker aus dem Jahr 2000. Neu ist das alles nicht. Aber unsere Aufregung bleibt auch immer berechtigt – wie sonst sollte eine Einschränkung zustande kommen. Warum regen wir uns nicht viel öfter viel konsequenter darüber auf?
2. Setzen sie für die Ellipse ein, welch Gruppe immer ihnen nahesteht, Deutscher, Mensch, Benutzer etc.
3. Falls Ihnen das zu abstrakt ist, denken sie immer daran, dass ein anständiger Deutscher zwischen 1933 und 1945 nicht bei Juden kaufte.
Faktisch ist das sogar richtig. Nicht nur zehntausende Spionageromane und Agentenfilme benutzen auch Wahres in Ihrer konstruierten Welt [besonders Tom Clancy und ähnliche], es finden sich auch dokumentarische und journalistische Werke, wie das von John Parker aus dem Jahr 2000. Neu ist das alles nicht. Aber unsere Aufregung bleibt auch immer berechtigt – wie sonst sollte eine Einschränkung zustande kommen. Warum regen wir uns nicht viel öfter viel konsequenter darüber auf?
Setzen sie für die Ellipse ein, welch Gruppe immer ihnen nahesteht, Deutscher, Mensch, Benutzer etc.
Falls Ihnen das zu abstrakt ist, denken sie immer daran, dass ein anständiger Deutscher zwischen 1933 und 1945 nicht bei Juden kaufte.

  7 comments for “Es gibt keine Anständigen

  1. 2013/07/08 at 03:53

    Danke für diese ausführliche darstellung – einfach und verständlich. Lass mich hier einen Satz herausheben; “Wie schnell kann auch ein anständiger … ins Netz der Überwacher geraten!”. Ich weiss von einem real existierend Fall (die anfänge liegen in der Schweiz), wo ein Bürger seit fast ein viertljahrhundert überwacht wird. Die gesammelten Daten wurden dan auch prompt gegen die Person verwendet um Finanz Einkommen zu unterbinden, Soziale Netzwerke zu zerstören etc. Ich habe bereits einiges (auf Englisch) geschrieben. Früher hatten wir bereits versucht dies in die Medien zu bringen die scheinen jedoch ein Taubes Ohre zu haben oder ganz einfach Angst zu haben reale geschenisse zu publizieren. Ernst gemeinte Hilfe ist wilkommen.

    Please follow @PowerOfSilence

    Liest hier mehr:
    [1] PRISM, Tempora and other players – You are Death
    https://50mincoach.wordpress.com/2013/07/02/prism-tempora-and-other-players-you-are-death/
    [2] Why Child abuse will never be eliminated
    https://50mincoach.wordpress.com/2013/07/04/why-child-abuse-will-never-be-eliminated/
    [3] It is forbid me to speak with you
    https://50mincoach.wordpress.com/2013/07/07/it-is-forbid-me-to-speak-with-you/

  2. 2013/07/08 at 04:00

    Sorry; ein Fehler beim Twitter account hat sich eingeschlichen.
    Twitter Follow @ePowerOfSilence

  3. 2013/07/12 at 13:25

    Jo Dierk, es ist wirklich problematisch mit den Medien. Da habe ich ich vor einigen Tagen auch was im Blog 50minCoach.wordpress.com gepostet. “The Media is easily pressured http://wp.me/pgAur-4y #YouAreDeath”. Da habe ich nur zwei beispiele beschrieben von den vielen die ich gehört habe. Das ist ja auch schon ein dicker Hund.

  4. 2013/07/12 at 13:26

    Um diese Geschichte entlich an die Öffentlichkeit zu bringen währe es sinvoll nun entdlich dieses Publik zu machen.

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