Welches Wissen ist relevant?

Vor einiger Zeit bekam ich aus dritter Hand mit, dass es einen Streit zwischen Wikipedia-Beiträgern gibt, darüber, welche Themen überhaupt einen Eintrag in die Online-Enzyklopädie verdienen. Relevanz ist gefordert, Kriterien werden aufgestellt.

Auch wenn einige der Kriterien durchaus seltsam anmuten – angeblich zählen Online-Veröffentlichungen nicht; ich habe keine Lust das beim Stand der gegenwärtigen Diskussion zu überprüfen –, geht es mir gar nicht so sehr um die Details, die jederzeit überprüfbar bleiben und gegebenenfalls geändert werden. Mich interessiert, wozu überhaupt Relevanzkriterien – und was genau ist eigentlich Relevanz.

Wissenskosten im Vergleich

In der Vor-Internet-Zeit wurde Wissen auf Papier gesammelt und veröffentlicht, ein sehr teures Unterfangen. Selbst wirklich umfassende Lexika wie die Encyclopaedia Britannica, die mit zwei Indexbänden und einem Propaedia genannten weiteren Index immerhin auf 32 große Bände kommt, mussten entscheiden, was wirklich wichtig ist. Einbändige Konversationslexika waren natürlich noch weiter eingeschränkt.

Der Computer erleichterte nicht nur die Arbeit der Lexikographen, er machte sie auch günstiger, viel günstiger. Es geht schneller, Fehler zu korrigieren, neu Information hinzuzufügen, Daten abzurufen – obwohl der Speicherplatz unermesslich höher ist, braucht er viel weniger Raum. Die gedruckte Encyclopaedia Britannica benötigt bei mir einen eigenen kleinen Schrank, 40 cm x 78 cm x 100 cm, und die in ihr enthaltenen Daten stammen aus dem Jahr 1994. Glücklicherweise war noch ein wenig Platz im Schrank, so dass die Jahresbände, die Ereignisse bis 2003 abdecken, auch noch knapp rein passten. Gekostet hat mich das ganze damals mehrere 1000 DM.

Neben meinem Schreibtisch liegt eine unscheinbare DVD-Hülle mit einer Scheibe drin, die EB 2009; Kostenpunkt € 45. Da sich sowohl die Kostenstruktur als auch Einnahmen und Konkurrenzsituation für den Verlag verändert haben, können Sie auch die gedruckt Enzyklopädie heute für etwa € 500 erhalten – immer noch zehnmal soviel wie die DVD kostet. Interessanterweise kostet der Online-Zugang mehr als die Plastikscheibe.

Die enzyklopädische Idee

Nun geht es bei Enzyklopädien nicht um Kosten, zumindest nicht in erster Linie. Der Gedanke, das Wissen der Welt zusammenzufügen und einfach zugänglich zu machen, ist weit älter als die Wikipedia. Sie stammt, wen wundert’s, aus der Aufklärung, als Rationalität Gottglaube ablösen sollte. Denker wie Diderot waren der Ansicht, dass eine vernünftige Erklärung der Welt und ihrer Phänomene bedingten, alle Fakten zu kennen. Er schuf die erste Sammlung ‘allgemeinen Wissens’, die Enzyklopädie.

Jimmy Wales erkannte Anfang des neuen Jahrtausends, dass mit dem Internet und seinen kommunikativen Möglichkeiten tatsächlich das Gesamtwissen der Welt einfach gesammelt und zugänglich gemacht werden konnte. In den letzten 10 Jahren sahen wir einen weiteren rapiden Preisverfall für Speicherplatz, auch die Kosten für den Online-Zugang sind immer geringer geworden. Immer mehr Menschen gehen ins Internet, immer mehr Menschen nutzen die Wikipedia.

Die meisten Wikipedia-Nutzer sind passiv, sie suchen auf die Schnelle Informationen, viel weniger korrigieren Fehler, noch weniger schreiben Artikel. Und nur ein paar Handvoll Administratoren und Moderatoren versuchen, den gröbsten Unsinn aus dem Internet-Lexikon heraus zu halten. Dafür gebührt ihnen großes Lob!

Was gehört in eine Enzyklopädie?

Kurze Antwort: Alles, was korrekt ist. Oder etwas feuilletonistischer: Das Wissen der Welt. Wie weiter oben ausgeführt, gibt es pragmatische Gründe, nur einen Ausschnitt aus allem, was die Welt ist, aufzunehmen. Wenn der Platz begrenzt ist, muss eine Redaktion entscheiden, dieses ist wichtig, jenes nicht. Die dabei benutzten Kriterien müssen transparent und nachvollziehbar sein, sie müssen immer wieder überprüft und gegebenenfalls geändert werden.

Es gibt eine Selbstverständlichkeit, die gerne unerwähnt bleibt, selbstverständlich darf [langfristig] nichts Falsches im Lexikon stehen. Alleine daraus ergeben sich genügend Streitpunkte. Der Ansatz der Wikipedia – die keinerlei Platzproblem hat! – hilft hier enorm weiter. Zwar kann jeder minderbegabte Ideologe seinen halbgaren und lächerlichen Blödsinn in die Enzyklopädie reinschreiben, aber verewigt wird er nur im Diskussionsfaden.

Wir leben im Innern einer Kugel? Die Erde ist eine Scheibe? Der Holocaust hat nicht stattgefunden? Barack Obama ist gar kein geborener Amerikaner? Elvis lebt und arbeitet als Brötchenwender bei einem Wendy’s in Ohio? John Lennon wurde in Wirklichkeit von Außerirdischen entführt? Das alles hält sich nicht lange – höchstens unter ‘Fringe Lunatics’ [’Randidioten’].

Jede Straßenlampe?!

Freitagabend twitterte ich also, genervt kopfschüttelnd, dass alles rein gehört, was korrekt ist. Und wurde prompt von zwei unterschiedlichen Twitter-Konten mit milder Häme überschüttet. Twitter eignet sich zwar für eine ganze Menge, aber leider nicht für nuancierte Diskussionen zu komplexen Themen. Möglicherweise interpretiere ich über, wenn ich von ‘Häme’ spreche. Sagen wir, es gab klares Kontra.

Ich wurde z.B. gefragt, ob das Geburtsjahr der Schwester in die Wikipedia gehört. Kommt drauf an. Und zwar auf das geltende Recht, das auch von einem hehren Projekt eingehalten werden muss. Wenn im Fall der Schwester Persönlichkeitsrechte verletzt werden, dann darf es keinen Artikel geben. Natürlich gibt es Grenzfälle bei Personen des öffentlichen Lebens, aber diese werden meist vor Gericht geklärt.

Keine Frage ist, ob die Daten der Schwester – soweit geltendes Recht eingehalten wird – für ein selbst ernanntes Redaktionsgremium relevant erscheinen. Relevant ist ein Datum, wenn irgendjemand sich dafür interessiert. Es ist unerheblich, ob ich oder die Administratoren oder mein Nachbar Schwesterlein als relevant ansehen.

Es ist aber noch viel schlimmer, denn woher soll irgendwer jetzt wissen, ob ein Datum nicht nächste Woche, für einen Nutzer zu einer Information wird – und spätestens damit Relevanz erhält? Wir müssen uns nämlich darüber klar sein, dass Daten erst durch Verknüpfung mit anderen Daten relevant werden, sie werden dann zu Informationen. ‘Gras’ ist ein Datum ohne Relevanz, erst wenn ich das kombiniere mit einem anderen Datum, z.B. ‘grün’ wird es Information.

Wen interessiert’s

Ich wurde auch gefragt, ob jede Straßenlampe in der Wikipedia verzeichnet sein soll, und ich bleibe dabei: Ja. Auch hier gilt, wenn es jemand schreibt, und die Daten sind überprüfbar korrekt, gibt es keinen nachvollziehbaren Grund Artikel über Straßenlampen zu streichen. Dabei ist es völlig egal, ob die Artikel abgerufen werden. Wenn keiner über Straßenlampen lesen will, dann stören die Artikel auch nicht; man könnte soweit gehen zu sagen, da stören dann auch Fehler nicht.

Wikipedia-Artikel sind kein Selbstzweck, die Wikipedia ist – noch – keine Egopoliermaschine. Sie sammelt das Wissen der Welt, stellt es zur Erleuchtung der Nutzer zur Verfügung. Artikel, die keiner liest, mögen überflüssig erscheinen, aber sie könnten wichtig werden. Artikel, die viel abgerufen werden, haben eine große Chance, recht schnell fehlerfrei zu sein. Die nicht gelesenen bleiben möglicherweise sehr lange Müll [also stark fehler- und lückenhaft], was nur zeigt, dass hier kein Interesse vorliegt. Aber deswegen löschen?

Niemand ist gezwungen, die Wikipedia zu nutzen, weder passiv noch aktiv. Wer schreibend und korrigierend mitarbeitet, muss sich auf Dinge konzentrieren, von denen er etwas versteht. Kein aktiver, kein passiver Wikipedia-Nutzer muss sich um Themen kümmern, die ihn nicht interessieren.

Angeblich irrelevante Themen und Artikel schaden nicht. Ich sehe keinen nachvollziehbaren Grund solche Artikel zu löschen, sofern sie geltendem Recht entsprechen. Selbst Fehler oder Lücken sind kein Löschgrund; das Wesen der Wikipedia ist, Lücken mit der Zeit zu füllen, Fehler zu korrigieren.

PS: Vergleicht mal

Die deutsche Wikipedia wird von mir nur selten aufgesucht, da sie regelmäßig weniger Daten aufweist als die englische. Es lohnt sich immer wieder, dem Link in der Spalte links zur englischen Wikipedia zu folgen.

Das ist übrigens kein systematisches Problem, sondern ein statistisches – es gibt zwar ca. 200 Mio vermutete Sprecher [Erst- und Zweit-] der deutschen Sprache, aber wohl um die 1,8 Mrd Menschen, die Englisch können. Also finden sich auch neunmal mehr Mitarbeiter und Experten.

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