Für Grünzeug Abriss

Hamburg ist für drei Dinge bekannt: Kaufmannsmentalität, Großmannssucht, ein sehr grünes Stadtbild. Der erste Punkt trieb schon in der Vergangenheit so manchen Künstler zur Verzweiflung, Heinrich Heine ließ sich gerne über seinen Onkel Salomon aus. Der Gedanke, Weltstadt würde man durch ständige, enervierende Wiederholung des Mantras ‘Wir sind Weltstadt’, fällt alle paar Jahrzehnte auch dem einen oder anderen Bürgermeister auf. Er setzt sich dann hin und versucht irgendein sinnloses, überteuertes Denkmal für sich zu schaffen.

Immerhin, die besondere Geschichte Hamburgs, die späte Zusammenführung ländlicher und städtischer Gemeinden zu einer großen Stadt im Jahre 1937, führt tatsächlich zu einer Reihe schöner Parks. Selbst die Stadtplaner, die dem architektonischen Bild der Hansestadt immer wieder mehr Schaden zufügten, als die amerikanischen und britischen Bomber im Zweiten Weltkrieg, planten immer wieder Grünzüge ein. Neben den künstlich geschaffenen Ohlsdorfer Friedhof, Stadtpark und Altonaer Volkspark, finden sich auch viele Überbleibsel natürlicher Moore und Forste.

Im Nordwesten, eingeklemmt zwischen A7, einigen Hauptstraßen und dem Flughafen, liegt das Niendorfer Gehege:

Map picture

 

Über die Geschichte dieses Naherholungsgebietes in der Stadt können Sie mehr in der Wikipedia erfahren, mir geht es um das oben markierte Haus, das um die 100 Jahre alt ist. Erbaut wurde es als Jagdhaus und Sommerfrische einer wohlhabenden Hamburger Familie, die sich aus der stinkenden, überfüllten Stadt raus aufs Land begab. Im Nordwesten Hamburgs, z.B. in Lokstedt, Niendorf, Stellingen, Eidelstedt, finden sich noch einige Häuser dieser Art, erbaut nach der Reichsgründung und vor dem Ersten Weltkrieg.

Leider wurden viele davon in den 1970ern und 1980ern umgemodelt, Außenstuck wurde oft entfernt, Giebelschmuck abgerissen, Ziegelwände grau zugeputzt. Das Haus Bondenwald 110a unweit des Damwildgeheges präsentiert sich heute zwar alles andere als prächtig, aber es wurde so gut wie überhaupt nicht verbaut:

Das Haus Bondenwald 110a im Niendorfer Gehege - ein schönes altes Jadghaus

Seit 2007 steht das Haus unter Denkmalschutz, Besitzer ist seit Jahrzehnten die Stadt Hamburg, deren eigene SAGA GWG das Gebäude verwaltet. Alles in Butter, sollte man meinen. Bis vor einigen Jahren waren die einzelnen Abschnitte des Hauses als Wohnungen vermietet, aber die meisten Mieter mussten inzwischen gehen, da die Baubehörde erhebliche Mängel feststellte. Weder die Heizung – es existiert keine Zentralheizung – noch die Isolierung entsprechen dem heutigen Niedrigststandard. Ansonsten stellt sich die Bausubstanz erstaunlich fit dar, der letzte verbleibende Mieter, ein Handwerker, sorgte selbst für die Ausbesserung des Daches, damit keine Feuchtigkeit eindringt.

Sicherlich ist eine Sanierung notwendig, darüber besteht auf allen Seiten Einigkeit. Es ist auch allen klar, dass es sich um ein echtes Kleinod handelt, das seit Jahren sträflich vernachlässigt wird. Der Investitionsstau beträgt nicht einige Jahre, sondern einige Jahrzehnte – unverständlich, sieht man sich die Lage an. In diesem Haus könnten Kindergarten, Museum, Naturinformationszentrum, Schulungszentrum für Hamburger Schulen und und und eingerichtet werden. Selbst Wohnungen, die nach bisherigem Bebauungsplan vorgesehen sind, wären möglich.

Das Haus Bondenwald 110a im Niendorfer Gehege

Das Niendorfer Gehege befindet sich im Bezirk Hamburg-Eimsbüttel, regiert von einer Koalition aus GRÜNEN und SPD. Und die wollen das Haus abreißen. Einige Bürger fürchten, das Niendorfer Gehege soll langfristig zu einem Edelstadtteil werden, ein Gerücht. Für den Standort diese Hause scheint bisher keine Neubebauung oder auch nur ein Verkauf oder eine Verpachtung geplant zu sein. Es soll wieder grün werden, zuwachsen. Weil in Hamburg und gerade im Niendorfer Gehege Bäume, Sträucher und Wiesen fehlen.

Als vor einigen Jahren ein bekannter deutscher Schauspieler ein paar Bäume gefällt haben wollte, um mehr Licht zu erhalten, war das für Baubehörde, Forstamt und Bezirk kein Problem. Sein Haus liegt nicht weit von diesem. Auch sollte es möglich sein, Geld für eine Sanierung aufzubringen, angeblich fehlt dafür eine halbe Million EURO, eine Investition, die mir sinnvoller erscheint, als Hunderte Millionen in ein nicht wirklich benötigtes Prestigeobjekt im Hafen zu schütten.

Noch steht das Haus, noch wohnt der letzte Mieter dort.

Da das Haus unbewohnt aussieht, schmeißen Deppen gerne mal die Fenster ein.

 

[Update 27. September 2013: Laut Beschlusslage der Bezirksversammlung vom 26. April 2012 soll die Villa nicht abgerissen, sondern verkauft werden. Der Bürgerverein Hoheluft-Großlokstedt von 1896 e.V. informierte im April 2013, dass die Villa zum Verkauf stände; wie es weiter geht, scheint aber bis heute nicht klar zu sein.]

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