Wat is en Sprach? Da stelln mer uns …

Eigentlich wollte Professor Doktor Anatol Stefanowitsch, seines Zeichens Linguist – Sprachwissenschaftler, falls sie nicht so gerne fremdeln – eine ruhige Blogwoche angehen. Nach gesellschaftspolitisch aufgeladener Übersetzungsproblematik waren trockene linguistische Themen angesagt. Auch um meine Nerven, Handgelenke und Tippfinger zu schonen.

Es konnte nicht gut gehen.

Sein neuester Beitrag über das grammatische Geschlecht des Wortes ‘Blog’ war ein Stich ins Fliegennest. Im Grunde hätte es ihm klar sein müssen, immerhin ist jeder von uns Experte in Sachen Sprache. Wir sprechen schließlich alle! Manche schreiben sogar. Außerdem ist die Klärung, ob es richtig ‘der’ oder ‘das’ Blog heißt auch lebensentscheidend und für den Weltfrieden wichtig. Kostet auch nichts, darüber zu streiten, als ginge es um den Goldschatz von Atlantis. Herr Stefanowitsch stellt unter anderem fest, dass er selbst ‘das Blog’ bevorzugt, damit aber heute in der Minderheit ist.

Viele Kommentatoren interpretieren seinen Beitrag offensichtlich als Aufruf ‘das Blog’ als falsch zu kennzeichnen – aber das schreibt er gar nicht. Es gibt beide Formen nebeneinander, das wird wohl auch noch eine lange Weile so bleiben. Wer sich durch arbiträren Gebrauch von deutschen Artikeln über sein Gegenüber erhaben fühlen möchte, darf weiterhin ‘das Blog’ sagen und schreiben. Nur soll er oder sie nicht kommen und ‘falsch’ schreien, nur weil das [sic!] Gegenüber ‘der’ sagt.

Als Argument dafür dienen dem Sprachhüter

  • ‘Das muss aber so sein, weil das von einem Wort kommt, dessen deutsche Entsprechung Neutrum ist!’
  • ‘Ich unterwerfe mich doch nicht dem Mehrheitsmob!’
  • ‘Bleiben wir doch der Logik der Sprache verpflichtet.’

Das zweite Argument entlarvt sich und seine Anwender in seiner Albernheit von selbst, das erste beweist Unverständnis für Morphologie und ist nichts weiter als Großpappis ‘Früher war alles besser!’ Nur das dritte Argument klingt auf den ersten Hör irgendwie sinnvoll. Haben unsere Lehrer uns doch gerne was von Sprachlogik erzählt. Und so manch Stilkundler lebt schon seit Jahren gut von Büchern, in denen er sie erwähnt.

Schade nur. Sprache ist nicht logisch, nie gewesen, nicht einmal das Lateinische. Sprache ist kontingent, sie entwickelt sich, sie nimmt, was da ist und formt dies den Bedürfnissen entsprechend. Wie in der biologischen Evolution – nur viel schneller und eher lamarck’schen Regeln folgend. Unser Deutsch heute würde Heinrich Heine noch direkt einleuchten, Goethe schon nicht mehr, es wäre ein sehr fremder Dialekt für ihn. Von Martin Luther oder Walter von der Vogelweide gar  nicht zu reden. Dabei habe ich die höchst idiosynkratische Schreibung – von ‘Recht’schreibung kann vor 1902 kaum geschrieben werden – noch außer Acht gelassen.

Wer keine Lust hat, sich intensiv mit Sprache zu beschäftigen, um diesen Befund selbst zu finden,  der möge nur darüber nachdenken, dass bisher alle großen Denker gescheitert sind, eine logische Notation zu entwickeln, die natürlichsprachliche Äußerungen vollständig wiedergeben kann. Oder wie George Bernard Shaw die englische Sprache, vor allem die Schreibung, auf ein logisches Fundament stellen wollte. Die deutsche Sprache ist keine Ausnahme, sie ist nicht besser, nicht logischer, nicht konsistenter als andere Sprachen. Auch nicht das Gegenteil.

Notes:
1. siehe dazu z.B. David Crystal, The Cambridge Encyclopaedia of the Englisch Language, 1995. Kapitel 18, ‘The Writing System – Spelling Reform’.
siehe dazu z.B. David Crystal, The Cambridge Encyclopaedia of the Englisch Language, 1995. Kapitel 18, ‘The Writing System – Spelling Reform’.

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