High Definition abgewürgt

Die Telekom will ihren Netzausbau also aus der Drosselung angeblicher Aus-Nutzer finanzieren, statt auf zweistellige Rendite zugunsten von Investitionen zu verzichten. OK, kann ich verstehen. auch wenn ich glücklicherweise keine Telekom-Aktien gekauft habe und daher weder von Dividenden noch Aktienwertsteigerungen etwas habe. Im Moment kommt meine Breitbandverbindung auch nicht von der Telekom.

Über reale Kosten der Datenübertragung und das prinzipielle Problem haben andere reichlich geschrieben. Das ist für Nerds diverser Fachschaften und Netzphilosophen auch alles ganz gut und schön und wichtig sowieso, interessiert aber Otto und Erna Normalnetznutzer eher wenig. Die Telekom-PR stützt sich darauf und erzählt was von ‘3% Power-Usern’, die von allen anderen, die nur ein wenig e-mailen, am Tag dreimal beim BILD-Ersatz für Halbgebildete SPON vorbeischauen und hin und wieder ein Geburtstagsgeschenk für den Enkel bei Amazon kaufen, finanziert werden müssen.

Die Telekom nutzt damit einen Motivator, vor dem der grosse Werber Herschell Gordon Lewis gewarnt hat, da er sehr leicht nach hinten losginge. Warum auch immer, Neid funktioniert in Deutschland ziemlich gut, daher sollten wir deutlich machen, wie sehr in Wirklichkeit alle Nutzer von der Drosselung ab 2016 betroffen sein werden.

Technischer Hintergrund

Was immer man vom reinen Unterhaltungskonsum halten mag, er wird in nicht mehr allzu ferner Zukunft über das Internet abgewickelt. Mitte/Ende der 1990er wollte George Lucas bereits seine digital aufgenommenen Filme direkt von Server-Clustern seiner Farm in Kalifornien in die Kinos streamen. Das hätte eine Menge Kosten gespart, von den physikalischen Filmkopien bis zur Versicherung, und natürlich Qualität gebracht. Ganz so weit sind wir bis heute nicht, aber es wird nicht mehr lange dauern.

In die Haushalte kommen viele TV-Serien und Filme bereits übers Netz. Hulu, Netflix, alle Networks und viele Kabelkanäle bieten ihre Inhalte gestreamt oder als Download an. Musik wird von Apple, Amazon und anderen ebenso als Download vertrieben, die Qualität ist meist auf CD-Niveau, manchmal besser. Das kostet Bandbreite. Je höher die Qualität, desto mehr Daten werden übertragen.

Inzwischen stehen in vielen Haushalten Full-HD-Displays in beachtlicher Grösse. Idealerweise werden sie mit Full-HD-Material gefüttert, dass z.B. von Blu-rays kommen kann – oder aus dem Netz. Filme müssen entsprechend vorliegen, mindestens mit 2K abgetastet, das ist ein klein wenig mehr als die 1080 x 1920 Pixel des Geräts, genau sind es 1080 x 2048 Px. Um auf die Zukunft vorbereitet zu sein, werden Filme seit einigen Jahren bereits in 4K eingescannt bzw. gefilmt, im Prinzip eine Verdoppelung der Auflösung und der zu übertragenden Daten. Einige Filme wurden auch schon mit 8K gescannt.

Für Film- und TV-Produktionen bietet es sich an, die entsprechende Infrastruktur vorausgesetzt, ihre Werke direkt per Internet weltweit zu vertreiben. Sie sparen Kosten, erreichen eine höhere, weltweit gleiche Qualität und können möglicherweise zusätzliche Dienstleistungen anbieten. Spätestens bei der Zeitauswertung, dem Vertrieb nach der Kinoauswertung, lohnt sich das.

Sehgewohnheiten

Die meisten Menschen schauen erheblich weniger Filme und TV-Serien, als im Jahr angeboten werden. Eine Handvoll Filme im Kino, die eine oder andere internationale Serie, die es noch auf einen halbwegs nutzbaren Sendeplatz im deutschen TV schafft. Vielleicht schaffen sie sich auch noch ein paar DVDs oder Blu-rays an, eher von Filmen als von Serien. Und dann gibt es da die Geeks und Freaks und Fans und … uns also. Was die Telekom als Zecken Power-Nutzer sieht.

Es ist die Avantgarde in der Nutzung digitaler Dienste. Sie sind es, die möglichst schnell die aktuellen TV-Serien-Folgen aus USA sehen wollen. Sie treiben den Fortschritt, indem sie Anwendungen fordern und bezahlen. Sie erzählen anderen von ihren Erfahrungen. Sie bringen andere dazu, auch mehr zu wollen. Sie bringen Diensten wie Lovefilm und Spotify Kunden.

Wir befinden uns am Anfang des Netzvertriebs. In den USA bietet Netflix nicht nur Filme und TV-Serien an, es werden inzwischen eigene Produktionen in Auftrag gegeben. Wenn diese von vielen Kunden angenommen werden – und House of Cards war wohl nicht nur ein Kritikererfolg –, dann werden mehr Serien, vielleicht auch Filme folgen. Der Internetdienst Netflix würde damit zu einem ernsthaften Konkurrenten für Pay-TV-Sender wie HBO.

Aussicht

Hulu hat ein grosses Angebot von Criterion-Filmen, von denen sehr viele bisher ausschliesslich dort zu sehen sind. Für Criterion hat das drei Vorteile:

  • Man testet, welche Titel wirklich nachgefragt werden.
  • Man bietet den Kunden Filme an, die alleine aufgrund der Produktions- und Vertriebskosten für Discs sonst lange auf sich warten liessen.
  • Man verdient Geld mit Titeln, die noch nicht als Disc zu kaufen sind.

Der Kunde kann über diesen Weg Filme kennen lernen und sehen, ob ein Disc-Kauf in Frage kommt. Nicht jeder Film, der hochgelobt wird, wird jedem gefallen, da ist es schön, dies für relativ kleines Geld per Streaming-Service zu erkennen, statt sich für sehr viel Geld eine Disc zuzulegen.

Otto und Erna würden nun gerne den neuen Iron Men 3 auf ihrem 47-Zoll-Full-HD-Display anschauen, weil die grosse Nichte, die ein Jahr in den USA zur Schule geht, den so toll fand. Aber ins Kino dafür? Oder ihn in ein paar Monaten auf Scheibe kaufen? Den kuckt man doch nur einmal. Was ist mit dieser seltsamen Serie, von der Ernas Bruder letztens schwärmte? Läuft die hier überhaupt irgendwo? Der meinte, man könne die über die Website anschauen.

Piraterie

Es scheint wenig mit Bandbreitendrosselung zu tun zu haben – der Bandbreite ist es völlig Wurscht, ob ein Datenpaket vertriebsrechtlich sauber oder raubmordkopiert ist –, aber dem Schreckgespenst Filmpiraterie, wie es Vertriebe gerne an die Kinderzimmerwand oder Schulhofmauer malen, wäre recht einfach beizukommen, gäbe es weltweit vernünftige Angebote, legal zu streamen oder runterzuladen. Natürlich müssten die Vertriebskonzerne sich dafür endlich mal bewegen und ihre Aufteilung der Welt in Rechteregionen weg schmeissen, aber das ist hier nicht das Thema.

Das Thema ist Qualität. Kino, DVD, Blu-ray sind qualitativ das Mass. Das wollen Filmfreunde sehen. Ausserdem wollen sie zeitnah sehen. Was nützt es, eine fast tagesaktuelle Show wie The Colbert Report Wochen oder Monate später im deutschen TV zu sehen, wenn sämtliche Aufreger der Sendung längst vergangen sind? Wie sollen Interessierte Spoiler für Filme aus dem Weg gehen, wenn überall im Netz monatelang, manchmal jahrelang über die grossen Überraschungen des Plots gesprochen wurde? The Usual Suspects mit früher mal typischer halbjähriger Verspätung im deutschen Kino? In Zeiten des Internet undenkbar.

Filme, die im Kino abgefilmt werden, um möglichst schnell an Freunde oder auch Kunden zu gelangen, leiden qualitativ erheblich. Der Ton ist sehr oft grauslich dumpfes Mono, das Bild ist zu dunkel, schwammig, farblich ausgelaugt, Highlights überstrahlen hemmungslos, Schatten saufen ab. Wenn man das übliche Glück jedes Kinobesuchs hat, läuft auch noch der eine oder andere durchs Bild. Für Filmfreunde ist das alles gar nichts. Auch sonst sollte das keiner sehen.

Bei Kopien von Scheiben sieht das alles deutlich besser aus, keine Frage. Es wird vermutlich auch immer Menschen geben, die “schwarz” runterladen, statt für einen kleinen Obolus die legalen Angebote zu nutzen. Die Erfahrungen im Musikbereich zeigen, dass die Menschen vor allem Bequemlichkeit und grosses Angebot wollen. Apples iTunes beweist das seit Einführung.

Renditeversprechen

Damit kommen wir zum Bandbreitenwürger zurück. Qualität braucht Bandbreite. Wie im oben verlinkten Netzpolitik-Beitrag aufgezeigt, kostet diese nach der Anfangsinvestition recht wenig, ist durchaus noch lange nicht knapp, muss aber ausgebaut werden. Ist die aufzubringenden Summe für einen geordneten Glasfaserausbau wirklich so hoch, dass die Telekom [oder andere Unternehmen, ich will da niemanden ausnehmen] sie nicht in einer angemessenen Zeit wieder einspielen kann, ohne von Otto und Erna zusätzlich Geld zu verlangen, nur weil sie gerne die 4K-Videos ihrer Nichte bei YouTube anschauen?

Bisher hat technischer Fortschritt immer zu langfristigen Kostensenkungen geführt. Ich sehe keinen Grund, weshalb das beim Ausbau eines breitbandigen Glasfasernetzes anders sein soll. Ausser man möchte die Renditeversprechen hochhalten. Ausser man möchte eine im Grunde ganz normale Investition in die Zukunft des eigenen Unternehmens kurzfristig refinanzieren, um hohe Renditeversprechen zu erfüllen und den Aktienwert kurzfristig zu steigern.

Das wäre übrigens alles keine Aufregung wert, wenn die Telekom einer unter vielen Netzbetreibern wäre, die alle flächendeckend ein vergleichbar grosses Netz hätten. Dann gäbe es Konkurrenz, die sich mit besserem Service – in diesem Fall: echter Breitband-Flatrate – positionieren könnte. Ohne eigenes Netz ist das schwierig.

Notes:
1. Technisch schon, da leider auch der Anbieter, den ich einmal wählte, weil er ein eigenes Netz in Lachstadt hatte, nie wirklich ausbaute und in meiner Gegend die berüchtigte ‘letzte Meile’ von der Telekom anmieten muss.
2. Er hält es besser, Angst – Wollen Sie Geld verlieren? –, Exklusivität – Wer ausser Ihnen? –, Schuld – Soll ihr Kind nicht das Beste haben? –, Gier – Machen Sie mehr aus Ihrem Geld! – oder Eitelkeit – Lassen Sie sich bewundern – zu nutzen. Nach seinem Buch The Art of Writing Copy, Prentice Hall, 1988.
3. Vor einigen Jahren wurden sämtliche Originalalben der Beatles hochauflösend digital abgemischt und als FLAC verkauft.
4. nur gestoppt durch nationale Besonderheiten, wie notwendige Synchronisation, unterschiedliche Schnittversionen oder Rücksicht auf Kalender.
5. Ein Spezialistenlabel für hochwertige DVD- und Blu-ray-Produktionen vornehmlich älterer Filme aus aller Welt
6. Natürlich gibt es da noch das Vertriebsrechteproblem, über das ich mich einmal gesondert auslassen sollte. Kurz gefasst: Criterion darf nicht [direkt] nach Europa verkaufen, selbst wenn deren Filme hier in keiner Form angeboten werden. Hulu wiederum darf nicht nach Europa streamen.
Technisch schon, da leider auch der Anbieter, den ich einmal wählte, weil er ein eigenes Netz in Lachstadt hatte, nie wirklich ausbaute und in meiner Gegend die berüchtigte ‘letzte Meile’ von der Telekom anmieten muss.
Er hält es besser, Angst – Wollen Sie Geld verlieren? –, Exklusivität – Wer ausser Ihnen? –, Schuld – Soll ihr Kind nicht das Beste haben? –, Gier – Machen Sie mehr aus Ihrem Geld! – oder Eitelkeit – Lassen Sie sich bewundern – zu nutzen. Nach seinem Buch The Art of Writing Copy, Prentice Hall, 1988.
Vor einigen Jahren wurden sämtliche Originalalben der Beatles hochauflösend digital abgemischt und als FLAC verkauft.
nur gestoppt durch nationale Besonderheiten, wie notwendige Synchronisation, unterschiedliche Schnittversionen oder Rücksicht auf Kalender.
Ein Spezialistenlabel für hochwertige DVD- und Blu-ray-Produktionen vornehmlich älterer Filme aus aller Welt
Natürlich gibt es da noch das Vertriebsrechteproblem, über das ich mich einmal gesondert auslassen sollte. Kurz gefasst: Criterion darf nicht [direkt] nach Europa verkaufen, selbst wenn deren Filme hier in keiner Form angeboten werden. Hulu wiederum darf nicht nach Europa streamen.

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